Echtheit

Die Echtheit des Therapeuten zeigt sich in seinen inneren Einstellungen und seiner Haltung gegenüber dem Klienten. Sie ist Ausdruck von Offenheit, Authentizität, Einklang mit sich selbst (Selbstkongruenz) und einem weitgehendst zugänglichen Erleben. Der Therapeut gewinnt an Transparenz, Glaubhaftigkeit und Gelassenheit, er kann als Dialogpartner auftreten und gleichzeitig dem Klienten seine Freiheit lassen, sich von seiner Meinung abzugrenzen. Somit wird auch eine Interaktion der Bewertungssysteme zugelassen. Die Echtheit des Therapeuten ermöglicht dem Klienten ein Gewahrwerden seiner Inkongruenzen zwischen seinem Selbstkonzept und „organismischen“ Streben nach Selbstentfaltung.

Ziele und Funktionen

Die Abwehrreaktionen des Klienten werden als Ausdruck seiner inneren Not verstanden. Sie sind gleichzeitig auch Hinweise auf Inkongruenzen und sollen ihm deshalb vom Therapeuten schrittweise bewusst gemacht werden.

Der Therapeut soll auch der Abwehr des Klienten empathisch begegnen und nicht jede Abwehrreaktion sofort ansprechen. In einer akzeptierenden und bejahenden Grundhaltung erhält der Klient Mut und Selbstvertrauen, seine Abwehrhaltung selber zu erkennen und schließlich aufzugeben.

Das Konfrontieren ist Teil der Abwehrbearbeitung, wenn der Klient sich in seiner Auseinandersetzung selbst hindert. Der Therapeut stellt dabei sein eigenes Bezugssystem dem des Klienten gegenüber, um ihm so zu helfen, seine Widersprüche im Selbstkonzept leichter zu erkennen.

Ein wichtiges Behandlungselement ist die therapeutische Beziehung zum Klienten. Im offenen Dialog begegnen sich die Bewertungssysteme von Therapeut und Klient, so das der Klient sein eigenes Selbstverstehen überprüfen und korrigieren kann.

Das Selbsteinbringen bzw. Selbstöffnen des Therapeuten kann dem Klienten helfen, Unterlegenheitsgefühle zu überwinden, seine Identität zu festigen und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Der Therapeut wird transparent und emotional erreichbar und er kann im Mitteilen auch Impulse für einen vorbildhaften Umgang mit sich selber setzen.

Praxis

Die Bearbeitung von Abwehr ist indiziert, wenn der Klient sich selber über längere Zeiträume im Wege steht und den Fortgang der Therapie nachhaltig blockiert.

Innerhalb der Bearbeitung von Abwehr soll auf Widersprüche zwischen verbaler und nonverbaler Aussage, dem Selbstbild und Fremdbild (des Therapeuten) und der Einsicht und dem Verhalten des Klienten hingewiesen werden.

Bei somalischen Beschwerden, die im Dienste der Abwehr stehen, kann der Therapeut auch stärker auf das Körpererleben als solches eingehen.

Es empfiehlt sich ein gestuftes Vorgehen bei der Abwehrbearbeitung:
1. Das Erscheinungsbild der Abwehr verbalisieren (ohne Deutung des Verhaltens).
2. Die Konsequenzen der Abwehr verdeutlichen (Konfrontieren).
3. Die Intention der Abwehr ansprechen (situative Auslöser).

Gemilderte Formulierungen wie, „ein bisschen“, „fast“, „ziemlich“ oder „manchmal“, helfen dem Klienten die Interventionen des Therapeuten mehr als ein Verstehensangebot anzunehmen. Die Gefahr der Abwehrreaktion auf das Bemühen des Therapeuten wird hierdurch gemildert.

Das Konfrontieren als Form der Abwehrbearbeitung ist vor allem bei extrovertierten, primär wenig introspektionsbereiten und wenig zur Selbstbeobachtung neigenden Klienten angezeigt.

Der Therapeut muss spüren, wann er selbst ein wichtiger Teil der Erlebniswelt des Klienten geworden ist und dies zum richtigen Zeitpunkt ansprechen. Dabei sollen die offen oder verdeckt ausgesprochenen Wünsche, Erwartungen und Rollenzuschreibungen mit dem Klienten geklärt werden.

Eine Indikation für das Beziehungsklären ist auch therapieblockierendes Verhalten, wie z. B. häufiges Zuspätkommen, Verschieben der Sitzungen, häufiges Ablenken vom zentralen Thema usw.

Der Fokus der Beziehungsklärung liegt im Hier und Jetzt, schließt aber eine Bearbeitung der lebensgeschichtlichen Zusammenhänge zu einem späteren Zeitpunkt keinesfalls aus.

Eine Hilfestellung für den Therapeuten innerhalb der Beziehungsklärung ist, wenn er im erinnernden Rückblick auf die jeweils vergangene Sitzung sich seine Gefühle und Einstellungen gegenüber dem Klienten vergegenwärtigt.

In der Beziehungsklärung betont der Therapeut den subjektiven Charakter seines Verstehens, damit seine Aussagen nicht wie eine objektive Feststellung erscheinen und damit einen bedrohlichen und grenzüberschreitenden Charakter bekommen.

Das Selbsteinbringen bzw. Selbstöffnen des Therapeuten soll jede Art der Schuldzuweisung, auch indirekter Art, vermeiden.

Grenzen

Das häufige Aufgreifen von Beziehungsaspekten kann therapeutisch kontraproduktiv sein. Das unmittelbare Angesprochenwerden auf Beziehungsfantasien kann im Klienten starke Ängste mobilisieren und Widerstand provozieren.

Übergeht der Therapeut Beziehungsandeutungen, kann der Klient dies als Angst oder Hochmut des Therapeuten deuten.

Nicht der letztlich außen stehende, untangierbare Experte zu sein, sondern plötzlich als Person „ins Spiel zu kommen“, wird von vielen Therapeuten zunächst als bedrohlich erlebt.

Durch seine emotionale Präsenz ist der Therapeut angreifbar über induzierte Gefühle wie Wut, Ärger, Ablehnung und Distanzierungsbedürfnisse.

Das Selbsteinbringen des Therapeuten ist kein Selbstzweck. Im Zentrum der Therapie steht der Klient, der einen geschützten Freiraum braucht, um sich selber öffnen und erfahren zu können.