Annahme

Mit dem Wort Annahme ist eine innere Haltung beschrieben, in der wir einen Menschen so annehmen wie er ist. Diese ganzheitliche und bedingungslose Akzeptanz umfasst alles was ihn ausmacht, seine Persönlichkeit, seine Wesenszüge (Charakter), sein Äußeres und all seine Fähigkeiten, aber auch Fehler und Schwächen. Er muss nichts leisten oder beweisen, um zu zeigen, dass er es wert ist, geliebt zu werden. Über die Annahme werden wir uns unserer Verantwortung dem Leben gegenüber bewusst und es wird unser Fürsorge- und Beschützerverhalten aktiviert, was wir in der Form unserer liebevollen Zuneigung zeigen. Wir sind in der Lage, uns um das Wohlergehen anderer Menschen zu kümmern, sie zu beschützen, ihnen Liebe und Nähe zu schenken und sie auch aufopferungsvoll zu umsorgen.

Annahme ist das Gegenstück zur Manipulation und Kontrolle: die Bereitschaft nämlich, die Realität zu erkennen und zuzulassen ohne das Bedürfnis, sie verändern zu müssen. Und darin liegt ein Glück, das nicht durch Manipulation äußerer Bedingungen oder anderer Menschen besteht, sondern durch einen inneren Frieden, ganz im Vertrauen darauf, sich selbst und das Schicksal in einen Einklang zu finden.[1]

 

Merkmale

Unser Grundbedürfnis nach An­nahme durchläuft, wie alle Grundbe­dürfnisse, einen Reifungsprozess. In unterschiedlichen Entwicklungspha­sen erschließen sich uns immer neue Bedeutungen der Annahme. Erfasst werden darin die drei Richtungen unserer Wahrnehmung, der nach außen, nach innen und in Rich­tung „Übergeordnetes oder Höheres” (Spiritualität) gerichteten Wahr­nehmung. Annahme selbst ist ein innerer Prozess, in dem sich mein Bewusstsein verändert bzw. erweitert. Ich muss mich mit einer Veränderung des Gewohnten ausei­nandersetzen, die Tragweite der Veränderung erkennen, mir meiner neuen Verant­wortung und neuen Möglichkeiten bewusst werden. Ich bekomme die Annahme von anderen Menschen innerhalb meiner Sozialisation und drücke umgekehrt Annahme durch Integration aus.

Während es für einen Säugling die körperliche Zuwendung ist, die meine Annahme erfahrbar machen lässt, ist es für ein Kind die liebevolle Art, mit der ich auf das Kind eingehe, ihm Aufmerksamkeit schenke und es im Erwachsen werden fördere. Das Kind erfährt, ob meine Annahme mit Bedingungen verknüpft ist, ob es z.B. nur geliebt wird, wenn es meinem Anspruch gerecht wird und meine Erwartungen erfüllt.

Für Erwachsene sind es dann Ehrlichkeit, Nähe und Offenheit, das Anlachen und das gezeigte Interesse über das Kontakt aufnehmen, das Einfühlungsvermögen und die erfahrene Wertschätzung, die für meine Erfüllung des Bedürfnisses nach angenommen sein sorgen.

Auch im Bedürfnis nach Zugehörigkeit bin ich darauf angewiesen, von der Gruppe angenommen und aufgenommen zu werden. Dafür mute ich mich ihnen zu, bringe mich mit meinen Stärken ein, lasse sie an meinem Leben Anteil nehmen, vertraue auf ihre Friedfertigkeit mir gegenüber und darauf, dass sie meine Schwächen tolerieren. Umgekehrt werde ich damit konfrontiert, andere Menschen anzunehmen, die mir fremd erscheinen oder einfach anders sind wie ich.

Nach innen auf mich selbst gerichtet, geht es um meine Selbstannahme, die sich z.B. durch Selbstachtung und Selbstschutz ausdrückt. Aber ich kann mir meine Lebensumstände nicht immer aussuchen oder gestalten, wie ich es brauche oder will. Krankheit, Behinderung und andere Unzulänglichkeiten wie beispielsweise ein schwieriges Elternhaus, muss ich lernen anzunehmen, um in mir einen Zustand von Frieden und Geborgenheit zu erfahren. Vielleicht muss ich mich auch vorher noch mit dem Schicksal aussöhnen und einer höheren Macht hingeben, damit ich mich als einen wichtigen Teil des Lebens erfahre, mich im Leben integriert fühle und die Liebe in mir wieder fließen kann.

Dialog der Signale

Das Grundbedürfnis nach Annahme greift auf einen Urinstinkt des Menschen zurück. Es ist ein Schlüsselsignal menschlichen Lebens, der über Leben und Tod entscheidet.[2] Der Liebreiz eines Babys appelliert an unsere Zuneigung gegenüber dem Baby und schmiedet in uns eine dauerhafte Verbundenheit zum Kleinkind. Wir sind für gewöhnlich von dieser Ausstrahlung so erfüllt und überwältigt, dass wir mit einer bedingungslosen Liebe antworten, die auch die Möglichkeit einschließt, dass wir für das Wohlergehen des Kindes bereit wären, unser eigenes Leben zu opfern. Das Kind erhält über unser Verhalten die lebensentscheidende und erlösende Bestätigung: „Ich bin gewollt!”

Dialog
Der Säugling signalisiert über seinen Liebreiz (Kindchenschema) „ich bin liebenswert”. Er appelliert dabei an unseren Fürsorge- und Beschützerinstinkt und erfüllt uns mit seiner Zartheit, Reinheit und auch Hilflosigkeit, die von seiner Offenheit und Schutzlosigkeit ausgeht.

Wir können uns dieser Ausstrahlung kaum entziehen und werden erfüllt von tiefer Zuneigung und Liebe. Wir erfahren einen Appell an unser Verantwortungsbewusstsein: „ich bin wichtig”.

Unsere Antwort, die wir durch den zärtlichen Körperkontakt, unserer liebevollen Stimme und das Anlächeln ausdrücken ist: „ich liebe dich (bedingungslos)”.
Der Säugling erkennt unsere zärtliche und liebevolle Kontaktaufnahme. Er erfährt in unserem Verhalten Fürsorge, Hingabe und eine schützende Geborgenheit als Zeichen der Annahme: „ich bin gewollt”.

Die Annahme bildet den Nährboden für eine gesunde und nachhaltige Entfaltung der Persönlichkeit des Säuglings.
Bleibt das erlösende Schlüsselsignal aus, dann kommt der Säugling in Not und panische Angst. Durch sein Schreien fordert er die Eltern auf: „ich brauche deine Liebe”.

Die Eltern interpretieren seine Not als aufdringlich, sein Schreien als verletzend und dickköpfig und sein Verhalten als nötigend: „er nimmt mir die Freiheit”.

Genervt, gestresst und überfordert senden sie dem Säugling das Signal „du bist nicht gewollt”. Ihr Verhalten ist nicht einfühlsam und liebevoll.

Durch die fehlende Annahme wird der Säugling sich selbst überlassen und in seinen Existenz- und Grundbedürfnissen gefährdet. Durch den akuten Mangel erfährt er „ich bin des Todes” und ergibt sich seinem Schicksal oder fängt an, um sein Leben zu kämpfen.

Zu diesem frühen Zeitpunkt entscheidet sich für den Säugling bereits, wie sein restlicher Lebensweg enden wird. Überforderung, Vernachlässigung, Willkür, Übergriffe und Misshandlung prägen sein weiteres Leben. Das „Unerwünschte” lastet traumatisch auf ihm wie eine Todesbotschaft. Sie blockiert seine Reifungsprozesse und seinen Lebenswillen.

Regulation des Bedürfnisses

In dem Grundbedürfnis nach Annahme geht es um die erste Kontaktaufnahme zwischen Menschen. Das Signal der Annahme leitet uns dabei auf dem Weg, Menschen zu finden, die uns wohl gesonnen sind und uns Liebe schenken. Diese Menschen tun uns gut, sie sind besonders wertvoll für unseren Schutz und unsere Entfaltung.

Für ein Kleinkind und seine Eltern ist es der Moment gleich nach der Geburt. Gemeint ist hier aber nicht der soziale Kontakt, sondern der erste existenzielle Kontakt, der die Eigenschaften der Eltern erfahren lässt, wie Erscheinungsbild, Stimme, Geruch, taktile Kontakte (Mund), Geschmack der Muttermilch usw.

Das Bedürfnis nach Annahme steuert aber auch die Auswahl des Partners, die richtigen Freunde zu finden, oder ein Haustier in der Familie aufzunehmen.

Erkennende Instanz
Die erkennende Instanz für alle Formen von Annahme ist das Erleben und Fließen von Liebe. Sie ist etwas im Ausdruck oder einer Handlung, was nach außen dringt, dort etwas bewirkt und durch Wahrnehmung spürbar wird. Die Instanz Liebe beobachtet die Wirkung, die es auf uns hat. Egal ob wir es anderen schenken, uns selbst geben oder durch andere erfahren. Wenn wir mit ihr in Kontakt treten, sind wir ergriffen und berührt.

Liebe ist in uns eine komplexe Vorgangsbeschreibung. Sie ist für unser Bewusstsein schwer greifbar, mehr eine Energie oder auch ein Zustand, wie ein Gefühl. Sie drückt sich in unserer Haltung, unserem Denken, Bewerten, Erleben, Handeln und unseren Werten aus, indem sie unsere Zuneigung und Wertschätzung spürbar werden lässt.
Wahrnehmung
Ob wir von anderen Menschen angenommen werden, erkennen wir an ihrer Offenheit, Friedfertigkeit und Ehrlichkeit. Sie sind uns zugewandt, schenken uns Aufmerksamkeit, zeigen ihre Zuneigung und Wertschätzung durch ihr Lächeln oder Hilfsbereitschaft und wirken einfach sehr sympathisch.

In unserer Wahrnehmung schauen wir auf die Wirkung, die die Annahme auf uns hinterlässt. Wenn die Liebe in uns fließt, dann stärkt sie auch unser Vertrauen und unsere Verbundenheit zum anderen Menschen
Dort, wo wir bei anderen Menschen auf Ablehnung und Verachtung stoßen, erleben wir ein feindseliges Verhalten, das sich in Grenzverletzungen, Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, Ausnutzen, Bevormundung, körperlicher Gewalt oder auch Ausgrenzung (Mobbing) ausdrückt.

Mitunter ist das Verhalten des anderen aber auch so subtil (z.B. wiederholtes Vergreifen im Tonfall), dass wir lediglich merken, dass er uns nicht gut tut. Unser Blick nach innen erkennt hierin die Verletzung unserer Würde (z.B. der sozialen Stellung).
Erlebniszustände
Auf diese Art der Kontaktaufnahme reagieren wir sehr aufgeschlossen und sind dem anderen zugewandt. Wir fühlen uns sehr stark angezogen von der Nähe des anderen, wollen ihn kennenlernen, halten zu ihm, was auch Solidarität und Schutz mit einbezieht und haben ein intensives Gefühl von Verbundenheit.Menschen, die uns nicht gut tun, meiden wir, indem wir uns abwenden (abgewandt). Wir ziehen uns zurück und suchen innerlich oder auch äußerlich Schutz vor ihnen.

Handelt es sich um die eigenen Eltern, die uns ablehnen, dann wird zusätzlich ein Loyalitätskonflikt ausgelöst, der uns zwischen Zuneigung und Ablehnung pendeln lässt.
Antriebsenergien
Als eine stärkste Form von Zuneigung und Wertschätzung geben wir in unserem Verhalten unsere Liebe zu erkennen. Diese spürbare Energie in unserem Handeln ist es, die uns als Menschen mit dem Leben und dem Schicksal verbindet.Die negative Antriebsenergie, um mich aus einer zerstörerischen Abhängigkeit zu befreien, ist eine tiefe Abneigung (als stärkste Form Hass). Ich wende mich von den Menschen und dem Leben ab, möchte für mich allein sein und isoliere mich vom Lebensfluss, um der Angst, dem Schmerz, der Entbehrung und der Überforderung nicht zu begegnen.
Haltung
Das Spüren von Liebe aktiviert unsere Hingabe „ich gebe mich dem Leben hin”. Wir nehmen das Leben und unser Schicksal an, sind in uns ausgeglichen, ohne zu Hadern oder zu Jammern.Ich lehne das Leben ab (Abwehr, Ablehnung) und das Leben wird zu einem Kampf (ums Überleben). Ich verrenne mich in Ersatzbefriedigung „ich brauche Lob und Anerkennung”, die mir die Bitternis des Lebens versüßen und mir suggerieren soll, dass ich wichtig bin, um eine Lebensberechtigung zu erhalten.

Reifungsprozess zur Ich-Stärke

Ziel der aufzubauenden Fähigkeiten innerhalb unserer Reifung sind unsere Kontakt- und Liebesfähigkeit. Mit der Kontaktfähigkeit können wir auf fremde Menschen zugehen, mit ihnen in Kontakt kommen, z. B. durch ein Gespräch (Smalltalk) und so für eine Begegnung sorgen, um die Barrieren gegenseitiger Fremdheit und Angst zu überwinden. Unsere Liebesfähigkeit sorgt für eine gesunde Paarbeziehung, bereitet einen fruchtbaren Boden für die kindliche Entfaltung, regelt das friedfertige Zusammenleben in der Gemeinschaft und sorgt für eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, als verantwortungsbewusste und nachhaltige Grundlage für den Erhalt allen Lebens.

Fähigkeiten
Die erste bedeutende Fähigkeit, die über unsere Annahme erlernt wird, ist die Kontaktaufnahme. Hier geht es darum, auf Menschen zuzugehen und sie kennenzulernen. Die körperliche Begegnung[3] ist darin ein wichtiges Kommunikationsmittel, das viele Eigenschaften des anderen erfahren lässt, wie z.B. Angst, Freude, Friedfertigkeit, Aufgeschlossenheit, Zuneigung usw.

Indem wir andere Menschen kennenlernen, erweitert sich unsere Toleranz für Andersartigkeit. Häufig macht unsere Scheu und Unerfahrenheit einen körperlich eingeschränkten Menschen erst zu einem behinderten Menschen. Gegenseitige Offenheit findet aber Wege und überwindet Barrieren, um sich zu erfahren und auszutauschen. Nebenbei werde ich kritikfähig und muss nicht alles gegen mich gerichtet, als Angriff sehen.

Im Reifungsprozess unserer Liebe gilt es, verschiedene Formen voneinander zu unterscheiden. Elternliebe, Geschwisterliebe, Paarliebe, usw. werden über Grenzsetzungserfahrungen unterschieden. Ein häufiger Konflikt beispielsweise entsteht zwischen dem Vater und seiner heranwachsenden Tochter. Väter haben Angst davor, dass ihre Liebe zur Tochter mit einem körperlichen Verlangen verbunden sein könnte. Im Instinktverhalten der Tochter wird sie aber durch ihre Offenheit und Vertrauen zum Vater eine Art „Beißsperre” auslösen, sodass im Mann kein sexuelles Bedürfnis entsteht.

Ein weiterer Entwicklungsschritt liegt im Erlernen des Flusses unserer Gefühle. Gerade bei der Liebesfähigkeit geht es darum, in einen Austausch, einen Dialog unserer Gefühle zu kommen. Liebe möchte erwidert werden und sucht die Resonanz im anderen.

Bei der Selbstliebe (Selbstannahme, Selbstachtung) geht es schließlich darum, mit mir in einem Einklang zu leben. Dies sind die Elemente Ehrlichkeit, Stimmigkeit und Gelassenheit. Selbstliebe darf aber nicht in Selbstverliebtheit (Narzissmus) oder Egoismus fließen. Damit dies nicht passiert, verschenke ich meine Liebe dem Leben und vertraue darauf, dass sie zu mir zurück fließt. Dies macht mich offen und verbunden mit dem Wunder der Natur und des Lebens.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Haltung ist die Selbstdistanz. Die auch als Metakompetenz bezeichnete Fähigkeit sorgt dafür, dass ich mich nicht zu wichtig nehme, andere Menschen und Lebewesen so lassen kann wie sie sind, einer Gemeinschaft diene und wenn es sein muss, ich auch selbstlos sein kann.
Wenn die Annahme der Eltern ausbleibt und stattdessen Ablehnung signalisiert wird, entsteht automatisch ein Defizit in der Kontaktfähigkeit. Isolation und Einsamkeit zeichnen den Weg einer negativen Reifung. Es ist, als wenn diese Menschen in einem Kellerverließ eingesperrt wurden. Sie meiden Nähe und kennen kein Vertrauen. Sie können das Schöne im Leben nicht ertragen und sind auf der Flucht vor der Begegnung mit sich selbst und der Realität. Das Ausbleiben der Annahme ist so elementar, dass alle anderen Bedürfnisse mit betroffen werden. Die Annahme ist unsere Lebensberechtigung!

Es ist wissenschaftlich nicht bewiesen, aber aus meiner therapeutischen Arbeit heraus behaupte ich, dass wenn die Eltern dem Kind die Annahme verweigern, eine endlose Suche danach beginnt (unbewusste Suche nach Annahme). Die Menschen wissen nicht was sie antreibt oder was genau sie suchen. Sie klammern an ihren Eltern, als wenn diese ihnen noch etwas zu geben hätten, bevor sie von dieser Welt gehen dürfen. Menschen ohne Annahme werden nicht erwachsen.

Die emotionale Abhängigkeit und das Ausbleiben der Erfüllung der Bedürfnisse erzeugen eine verachtende Haltung zum Leben. Die Bedürfnisse und die Gefühle werden als „Schwäche” identifiziert und unterdrückt oder bekämpft.

Der Mangel an Körperlichkeit löst einen immens großen Seelenschmerz aus. Diese betroffenen Menschen haben auch ein sehr schlechtes Körperkonzept. Der Körper ist nicht Teil des ganzheitlichen Erlebens, innere Vorgänge und Empfindungen können nicht bewusst gemacht werden. Der Verstand bekommt eine Dominanz über die Instanzen und ersetzt über Konstrukte die emotionale Bewertung der Wahrnehmung. Der Körper wird schließlich funktionalisiert und dem Willen unterworfen. Triebkräfte sind meist die einzigen verbleibenden Antriebskräfte.

Die Liebes- und Beziehungsfähigkeit ist sehr eingeschränkt. Der Verlust der Impulskontrolle, emotionale Abstumpfung, Unreife und Unerfahrenheit, der Mangel an Kritikfähigkeit und Toleranz, Abwehr und Ablehnung prägen die Fehlentwicklung und machen Beziehungen das Leben schwer. Wir werden zum Einzelgänger, Eigenbrötler, Außenseiter.
Fertigkeiten
Im Kontakt lassen wir uns ein, sind offen, lassen Nähe zu und suchen die Begegnung und den Austausch.

Unsere Liebe drückt sich in unserem Verhalten aus. Z.B. durch Zuneigung, Verbundenheit und Wertschätzung, aber auch durch Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit, Fürsorglichkeit und Zärtlichkeit. Wahre Liebe klammert und kontrolliert nicht, sondern vertraut und lässt los bzw. frei. Hier zeigt sich auch, ob unsere Annahme bedingungslos ist.

In unserer Toleranz zeigt sich, ob wir die Andersartigkeit von Menschen annehmen, in unserer Gelassenheit, ob wir Krankheit und Schicksal ertragen und in unserer Grenzsetzung, ob wir die verschiedenen Arten von Liebe auseinander halten können.
Wir entwickeln ein „Talent” darin, Distanz aufzubauen. Neben der körperlichen Nähevermeidung, sind wir provokant, verletzend, verachtend, abwertend, erniedrigend, grenzverletzend, arrogant und noch vieles mehr, nur damit wir mit unserer Einsamkeit nicht in Berührung kommen müssen.

Der fehlende Kontakt nach außen setzt sich auch nach innen fort. Neben einer schlechten Körperwahrnehmung verhalten wir uns selbstschädigend, destruktiv. Der Körper wird funktionalisiert, lieblos behandelt und bis an die Grenzen überfordert.

Genusssucht und andere Formen der Ersatzbefriedigung sollen den inneren Mangel lindern. Wir werden abhängig von Lob und Anerkennung, die wir zwanghaft bei anderen Menschen suchen, besonders bei Menschen, von denen uns Verachtung entgegenschlägt. Und dennoch können wir keine Komplimente annehmen, das Schöne nicht genießen.

Neben einem ausgeprägten Fluchtverhalten (Nähevermeidung) vermeiden wir es uns festzulegen, sprechen in Doppeldeutigkeiten, benutzen unpersönliche Ausdrucksweisen (man-Form), weil wir nicht mehr in ich-Form sprechen können, verallgemeinern und sprechen über etwas oder für und über andere. Meist wird auch sehr schnell gesprochen, unpersönlich, ausschweifend, verzettelnd (vom hundertste ins tausenste). Es fehlt an Emotionalität und Betroffenheit, auch wenn der Betroffene sich vielleicht theatralisch produziert oder einfach nur noch sachlich (kopfig) darstellt.
Ich-Stärke
Von seinen Eltern geliebt zu werden, ist ein wunderschöner Zustand, der Sicherheit und Freiraum für eine unkomplizierte Entwicklung bietet. Die Liebe darf fließen, sich entfalten und eine Vielzahl von Ausdrucksformen annehmen. Eine davon ist die Selbstannahme, die die Integration aller psychischen Instanz vorsieht. Es ist die Zeit des Königs!

Der König, der auch eine Königin sein kann, ist eine zentrale Instanz, welche im Ich-Bewusstsein seinen Platz einnimmt. Es ist ein Platz zwischen der Intuition und unserem Bewusstsein. Dort sind die kürzesten Wege für alle Arten von Information. Der König wird von seinen Instanzen beraten und trifft schließlich die Entscheidungen, die zu Handlungen führen. Er trägt die alleinige Verantwortung, aber er herrscht nicht, sondern regiert. Dafür verdient er unsere Selbstachtung.
Die meist unausgesprochene Todesbotschaft lastet wie ein Damoklesschwert über uns. Der von der Natur erteilte Auftrag, die Annahme der Eltern zu erreichen, konnte nicht erfüllt werden. Auch der Instinkt, seine Eltern glücklich zu machen, ihnen eine Freude im Leben zu sein, ist misslungen. Die negativen Erfahrungen strukturieren im Gehirn ein sehr negatives Selbstbild, unseren Selbsthass. Er frisst sich in unsere Seele und zerstört uns von innen. Er sorgt für die Erfüllung der Prophezeiung, die unsere Eltern mit auf den Weg gegeben haben: „Du bist nicht gewollt und du bist es nicht wert, geliebt zu werden.”
[1] Aus „Die Schöne und das Biest”, Ballett von Germinal Casado, Badische Staatstheater Karlsruhe, Autor unbekannt

[2] „Das erste Überlebensgesetz”, Volker Siemer

[3] Siehe auch de.wikipedia.org/wiki/Körperkontakt

Grundbedürfnis nach Annahme

Dialog

Kind signalisiert
„ich bin liebenswert”„ich will deine Nähe”
Eltern spüren
„ich bin wichtig”
(tiefe Zuneigung)
„er nimmt mir die Freiheit”
Eltern signalisieren
„ich liebe dich”
(bedingungslos)
„du bist nicht gewollt”
Kind spürt
„ich bin gewollt”„ich bin des Todes”

Regulation

Instanz
Nähe
Erlebniszustand
zugewandtabgewandt
Antriebsenergie
ZuneigungAbneigung
Haltung
Hingabe
„ich gebe mich dem Leben hin”
Abwehr *)
„ich brauche Lob und Anerkennung”

Reifung

Fähigkeit
Kontakt- und Kritikfähig-keit, SelbstdistanzAblehnung
Fertigkeit
Begegnungen eingehenDistanz aufbauen
Ich-Stärke
Selbstannahme
Selbstachtung
Selbsthass

*) Können Lob und Anerkennung aber nicht annehmen.