Aufmerksamkeit

Das Wort Aufmerksamkeit beschreibt im normalen Sprachverständnis einen Zustand von erhöhter Wachsamkeit und gesteigertem Interesse. Wir konzentrieren und fokussieren unsere Wahrnehmung oder verschaffen uns einen Überblick, um z.B. zuvorkommend, behilflich, wachsam und beschützend sein zu können. Es ist eine Form von Zuwendung oder Schutz und ein sich einlassen, an dem unser lenkender Verstand beteiligt ist. Aufmerksamkeit bezieht sich mehr auf den Augenblick, während Fürsorge auch vorausschauend ist.

Merkmale unserer Aufmerksamkeit

fixierend

Bei der fixierenden Aufmerksamkeit konzentrieren wir uns auf ein bestimmtes Ereignis, z. B. das Lesen eines Buches oder das Schauen eines spannenden Films. Dabei werden alle Umwelteinflüsse ausgeblendet und ein einzelnes Ereignis wird, wie mit einem Scheinwerfer, in seiner Umgebung beleuchtet und hervorgehoben. Körperliche Zustände, wie z.B. Hunger, Müdigkeit oder das Zeitgefühl, entgehen unserer Beachtung. Die fixierende Aufmerksamkeit ist meist als Beobachter nach außen gerichtet und filtert sehr stark Informationen aus unserer Wahrnehmung heraus[1]. Wie gut dies funktioniert, zeigt sehr eindrücklich das Experiment von Dan Simons: „der unsichtbare Gorilla”[2].

fluktuierend

Ganz anders arbeitet unsere fluktuierende Aufmerksamkeit. Hier ist die Aufmerksamkeit mehr nach innen gerichtet, auf die Wahrnehmung innerer emotionaler Erlebnisse, die uns Aufschluss über die wahrgenommene Situation geben. Es werden viele verschiedene Reize innerhalb kurzer Zeit wahrgenommen und wir verschaffen uns so einen schnellen Überblick über ein Geschehen, erkennen Sinnzusammenhänge und den notwendigen Handlungsbedarf.

Erwecken von Aufmerksamkeit

signalisieren

Das Verhalten des Kindes weckt unseren Spieltrieb und wir erleben Spaß, Freude und auch Neugierde, wenn wir uns mit dem Kind auseinander setzen. Wir erfahren viel über den neuen Erdenbürger und lernen mit ihm, uns weiter zu entwickeln und seinen Bedürfnissen immer gerechter zu werden.

Ist unsere Aufmerksamkeit erst einmal geweckt, dann schenken wir dem Kind auch unsere Beachtung, nehmen uns Zeit füreinander und lassen uns auf die jeweilige Reifestufe des Kindes ein. „Ich passe auf dich auf” und „ich bin für dich da” sind die Signale, die wir dem Kind durch unser Verhalten signalisieren. In unserer Wahrnehmung wechselt unsere Aufmerksamkeit zwischen fixierend und fluktuierend, je nach Intensität und Situation des Geschehens.

alarmieren

Das Kind meldet sich, wenn es in Not ist und die Eltern braucht. Nicht immer, aber fast immer, können wir eine bedrohliche Situation schon am Schreien des Kindes erkennen.

Unsere Aufmerksamkeit ist automatisch alarmiert, wenn plötzliche oder unvorhersehbare Ereignisse eintreten. Der Geruch von Verschmortem, Gas, unbekannte Geräusche und noch viele andere Auslöser bewirken, dass wir plötzlich hellwach sind und mit allen Sinneswahrnehmungen die Umgebung abscannen.

erzwingen

Kommt ein Kind in Not, weil es z.B. vernachlässigt wird, dann versucht es die Aufmerksamkeit seiner Eltern mit allen Mitteln auf sich zu lenken. Seine Verhaltensauffälligkeit soll provozieren oder alarmieren, indem es z.B. einfordert, seine Eltern bedrängt und Grenzen überschreitet oder sich voller Schmerz resignierend abwendet.

Das Erzwingen von Aufmerksamkeit kann aber auch eine Strategie von Eltern gegen ihre Kinder sein, um eigene psychische Defizite auszugleichen. Hier werden Kinder von ihren Eltern kontrolliert, manipuliert, vereinnahmt und ausgebeutet. Sie müssen für deren Bedürfnisbefriedigung und Ideale herhalten.

Das Erwecken von Aufmerksamkeit wird besonders in der Werbung ausgiebig ausgenutzt, aber auch für politische Propaganda und Religion. Sie zieht und lenkt unsere Aufmerksamkeit, um in manipulativer Absicht, den Verkauf von Produkten anzukurbeln  oder uns in unseren Werten und unserer Meinung zu unterwandern.

Gemeinsames teilen von Aufmerksamkeit

Die gemeinsam geteilte Aufmerksamkeit ist ein elementarer Entwicklungsschritt mit ca. einem Jahr. Das Kind erkennt nun im Fingerzeig der Eltern, das deren Aufmerksamkeit auf ein Objekt gerichtet ist. Die emotionale Auseinandersetzung fixiert sich nun verstärkt auf ein drittes Objekt, zu dem Eltern und Kind sich emotional austauschen, z.B. im Spiel mit einer Puppe[3].

spiegeln

Im emotionalen Signalisieren geht es um eine sehr frühe, archaische Kommunikationsform. Die Eltern spiegeln das Kind emphatisch in seinem emotionalen Ausdruck und nehmen so Anteil an seinem Erleben. Es lernt dadurch sich selbst kennen, indem es die Zusammenhänge zwischen seinem Signalisieren und der emotionalen Reaktion seiner Eltern in Verbindung bringt. Durch die zu erlernende Selbstregulation verfeinert das Kind seinen Ausdruck zielgerichtet, um seine Bedürfnisse steuern zu können. Die Eltern müssen ihrerseits vom Kind dessen Bedürftigkeit und Ausdruckweise lernen, um dem Kind das geben zu können, was es gerade benötigt.

bewerten

Das emotionale Bewerten durch die Eltern, vermittelt dem Kind erste Bewertungsmuster für Gefahren, Missbehagen, Ärger, Trauer und Freude. Das Kind kann sich über seine Eltern bei Unsicherheit oder unbekannten Situationen rückversichern[4]. Die Eltern nutzen so ihre Einflussnahme, um auch ihre Wünsche und Abneigungen dem Kind gegenüber auszudrücken.

kooperieren

Das emotionale Abstimmen und Austauschen erfasst innere Zustände und Vorgänge im Kind, vom körperlichen Unbehagen bis zur Bedürfnisbefriedigung. Der emotionale Austausch geht einher mit der Förderung des Kindes in seinen Fähigkeiten, der Ausbildung motorischer Fertigkeiten und der sprachlichen Begleitung von Ausdruck und Handlungen. Unsere Sprache hilft dem Kind dabei, emotionale Feinheiten besser zu erkennen und voneinander abzugrenzen.

Wenn wir uns auf das Kind einlassen, versetzen wir uns innerlich in einen Lernmodus. Es ist kein kognitives Lernen, sondern wir lernen intuitiv, indem wir Modelle von den Verhaltensweisen des Kindes in uns anlegen. Wir lernen so, das Kind in seinen Fähigkeiten in unterschiedlichsten Situationen richtig einzuschätzen, was das Erkennen des Förderbedarfs und der Gefahrenmomente erhöht. Je vorurteilsfreier wir in dieses Lernen gehen, desto besser wird das neue Modell des Kindes werden. Das Kind ist durch unsere Aufmerksamkeit und der damit verbundenen Umsicht und Vorsicht weitreichend geschützt.

Helfen

Unsere Kooperationsbereitschaft scheint angeboren zu sein. Kleinkinder zwischen 14 und 18 Monate zeigten sich in Experimenten Erwachsenen gegenüber hilfsbereit, wenn diese ein Problem hatten, bei dem sie auf Unterstützung der Kinder angewiesen waren. Interessanter Weise konnten Belohnungen die Motivation der Kinder nicht steigern, eher im Gegenteil.

Teilen

Das selbstlose und freigiebige  Teilen bezieht sich auf Nahrungsmittel und Gegenstände. Kleinkinder haben ein Vertrauen darin, dass sie nicht zu kurz kommen.

Informieren

Jeder kennt das Verhalten von Kleinkindern, sie können keine Geheimnisse für sich behalten. Es drängt förmlich aus ihnen heraus. Auch das Versteckspiel ist im frühen Kindesalter noch so ausgebildet, dass das Kind sofort sein Versteck verrät. Diese „gnadenlose” Offenheit ist aber auch eine bewundernswerte und beeindruckende Eigenschaft.

Unser Einlassen ist normalerweise wertfrei und bedingungslos. Nicht so, wenn wir selbst eine Kindheit erleben mussten, in der unsere Entwicklung durch Erziehung geformt, kontrolliert und erzwungen oder durch Vernachlässigung blockiert wurde. Über die Jahre baut sich ein Potential an Fehlentwicklungen in uns auf, das ein traumatisches Ausmaß erreichen kann. Nicht mehr frei in unseren Verhaltensweisen, reinszenieren wir unsere Kindheitsgeschichte und übertragen erfahrene Werte und Verhaltensweisen unreflektiert auf das eigene Kind oder berufsbedingt, auf die uns anvertrauten Kinder.

Aufmerksamkeit als Zuwendung

Jemand seine Aufmerksamkeit zu schenken, ist eine sehr intensive Form von Zuwendung. Er bekommt eine gesteigerte Wachheit, Wachsamkeit, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft, an dem alle Sinne beteiligt sind. Es ist eine sehr schöne und intensive Form der Begegnung und des Kennenlernens.

Bei einer beantworteten Aufmerksamkeit gehen beide Teilnehmer gestärkt aus der Verbindung heraus, es gibt keinen Energieverlust, ganz im Gegenteil. Die Form der Begegnung ist Ausdruck von gegenseitiger Wertschätzung und Achtung. Durch die hohe emotionale Beteiligung kann es zu Sympathie kommen und die Verbundenheit zueinander wird gestärkt. Lob und Anerkennung sind darin nicht wirklich von Bedeutung, Komplimente sind aber Herzöffner, ebenso wie Körperkontakt.

Jede Form von Erwartung beeinflusst unser Lernverhalten und schränkt das Erfassen von Sinnzusammenhängen ein. Die Gefahr ist, dass wir unsere eigenen Vorurteile lediglich bestätigen, weil wir nur das wissen und zulassen wollen, was wir bereits in unseren Denkstrukturen als vermeintlich richtig erachtet haben. Wir setzen uns über die Realität hinweg, vermeiden das Erfahren von Wahrheit und beginnen zu verleugnen.

Besonders hart trifft es dabei unsere Kinder. Sie sind unsere Schutzbefohlenen und unser Handeln bringt sie in Gefahr „einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung”[5]. Wer das Schreien eines Säuglings als „er will nur seinen Dickkopf durchsetzen” interpretiert und gegen sich als persönlichen Angriff gerichtet sieht, handelt unverantwortlich und lebensverachtend.

Zuwendungsformen

Bei der Art unserer Zuwendung werden 5 Formen unterschieden:

  • unbedingt positiv: Unbedingt positiv oder auch bedingungslos liebevoll ist die schönste und reinste Form von Zuwendung, derer wir im Stande sind. Unsere Zuwendung ist an keine Bedingungen geknüpft und nimmt unser Gegenüber so an, wie es ist. Dabei können auch Grenzen gesetzt oder andere Einstellung vertreten werden, unser Gegenüber hat stets den Eindruck, gesehen und geachtet zu werden.
  • bedingt positiv: Unsere Zuwendung ist an Bedingungen geknüpft. Oft ist sie leistungsorientiert und es wird mit Lob und Tadel gearbeitet, um gewollte Resultate zu erreichen. Erziehung kann so zu einem Dressurakt verkommen.
  • bedingt negativ: Die Form der Zuwendung konzentriert sich mehr auf die Fehler, die uns wie von selbst ins Auge stechen. „Nicht geschimpft, ist Lob genug.”, ist ein bezeichnender Satz. Es gibt viele Reglementierungen, der Kontakt ist eher herablassend oder erniedrigend. Kinder werden von den Eltern beschäftigt und funktionalisiert.
  • unbedingt negativ: Das Kind verkommt zum Blitzableiter. Es kann seinen Eltern gar nichts recht machen und wird wegen jedem und allem getadelt oder sogar bestraft. Bis hierhin wird das Kind von seinen Eltern aber immer noch gesehen, sie gehen auf das Kind irgendwie ein.
  • nicht Beachtung: Nicht Beachtung ist die schlimmste Form von „Zuwendung”. Das Kind wird nicht mehr gesehen, es ist nur noch Luft für seine Eltern und keiner Mühe und Liebe mehr wert. Es läuft so neben den Eltern her, wird noch versorgt, aber muss schon um sein Leben bangen und ist um Anpassung und Schadensbegrenzung bemüht oder schon völlig resigniert. Diese Form der Zuwendung ist die grausamste Art für ein Kind, es ist Psychoterror und Gewalt.

Distanzlosigkeit

Distanzlosigkeit als Verhaltensauffälligkeit von Kindern kann Ausdruck von Vernachlässigung und Missbrauch sein. Ein Kind, dass von seinen Eltern kaum Beachtung bekommt, freut sich und ist aufgeschlossen, wenn ein Fremder ihm Zuwendung schenkt.

Eine Distanzlosigkeit dem Kind gegenüber entsteht, wenn dem Kind kein Recht auf eine eigenständige Persönlichkeit zugebilligt wird. Diese Form von „Aufmerksamkeit” ist auf eine Kontrolle des Kindes ausgerichtet, die die Grenzen seiner Persönlichkeit überschreitet und bricht. Im Einzelnen wird sie durch folgende Merkmale gekennzeichnet[6]:

  • Erzwingen von sozialen Interaktionen ohne zureichenden Rapport, d. h. ohne emotionale Abstimmung mit dem Partner, eventuell sogar über explizite Zurückweisungen hinweg.
  • Kontaktsuche ohne kritische Beurteilung von sozialer Erwünschtheit, sozialer Nähe und sozialen Strukturen.
  • Einsatz von Kommunikationsformen, die der eigenen sozialen Stellung zum Partner nicht angemessen sind.
  • Übergriffiges Mitreden oder Mithandeln in den Angelegenheiten eines anderen oder Verletzen der Intimsphäre des anderen.

Distanzlosigkeit kann Bestandteil einer Pathologie, aber auch ein Charakterproblem, ein Zeichen von Unreife oder sogar eine Fehleinschätzung infolge eines interkulturellen Missverständnisses sein. Im alltäglichen menschlichen Miteinander wird das Verhalten von jemandem, der die Regeln der sozialen Distanz nicht wahrt oder der ohne ausreichenden Rapport hartnäckig Kontakt herzustellen versucht, als taktlos empfunden.

Verantwortung

Unsere Aufmerksamkeit schützt das Kind, so dass es weder Verloren geht, noch allein gelassen wird. Über Aufmerksamkeit werden aber auch Akzente gesetzt, was mir wichtig erscheint, ich sehen will und was eben nicht.

Wir passen auf das Kind auf und sorgen für sein Wohlergehen. Das Kind steht in seiner Entwicklung noch ganz am Anfang und wir müssen erst lernen, was es für seine Entwicklung von uns braucht und wie wir es ihm geben können. In der Regel ist das erste Kind etwas benachteiligt, da wir oft Dinge vom Kind erwarten, die es aber entwicklungsbedingt noch gar nicht leisten kann. In unserer „modernen” Gesellschaft bekommen wir nur noch sehr wenig von solchen natürlichen Vorgängen mit, was durch eine Vielzahl an Erziehungsliteratur und Ratgebern ausgeglichen werden sollen.

Aber selbst das beste Buch über das Erlernen des Fahrradfahrens kann uns die motorischen Fähigkeiten und neuronalen Verbindungen zum Gleichgewichtssinn nicht vermitteln. Wir müssen uns schon selbst auf das Fahrrad setzen und es ausprobieren.

Diese Ratgeber vermitteln uns nur eine Scheinsicherheit: „Ich habe mich informiert und habe jetzt alles im Griff und unter Kontrolle.”

 

Dialog der Signale

Das Bedürfnis des Kindes nach Aufmerksamkeit ist nach der Geburt eine Überlebensstrategie, damit seine Grundbedürfnisse gesehen und befriedigt werden können. Das Kind braucht diesen Kontakt und Austausch, um sich selbst erfahren und entwickeln zu können.

Die Offenheit des Kindes zieht uns in ihren Bann und wir erleben ein inneres Berührtsein und ein Gefühl von Erfüllung. Wir werden sehr zart, vorsichtig und einfühlsam. Wenn wir uns dem Kind zuwenden, erhöhen wir gleichzeitig unsere Stimmlage und überzeichnen die Mimik.

Die schönste und erfüllendste Belohnung erhalten wir schließlich, wenn das Kind zum ersten Mal zurücklächelt.

Dialog
Die kindliche Ausstrahlung soll unsere Neugierde und unser Interesse wecken. Es ist das Signal „ich bin lebendig”.
Wir erkennen die zarte Lebendigkeit im Kind („ich möchte dich erleben”) und haben das starke Bedürfnis, ihm nahe zu sein und auf das Kind einzugehen.
Wir nehmen mit dem Kind Kontakt auf („ich bin dir zugewandt”), sprechen es sanft an, berühren es vorsichtig, bieten ihm körperliche Wärme an, versuchen ihm ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln und lassen uns auf einen Austausch seiner Ausdrucksweisen ein.
Das Kind erlebt unser Zugewandtsein, fühlt sich geschützt, umsorgt und geborgen und hat das Erleben: „ich werde gesehen”. Nun kann damit beginnen, über das emphatische Spiegeln der Eltern, mehr über sich und seine Eigenschaften zu erfahren. So entsteht ein gegenseitiges Kennenlernen und Einlassen.
Bleibt die Aufmerksamkeit der Eltern aus, weil sie beispielsweise keine Zeit für ihr Kind haben, dann kommt das Kind in Not. Seine Grundbedürfnisse sind gefährdet und es kann sich nicht richtig entwickeln. Ihm fehlt die Förderung, die Stimulation, der Austausch, das sich Kennenlernen. Das Kind muss, um sich entwickeln und überleben zu können, die Aufmerksamkeit von seinen Eltern einfordern: „du hast für mich da zu sein”.
Die Eltern reagieren meist gestresst oder überfordert und missdeuten seine Not als „ich fühle mich vereinnahmt”.
Durch ihr Verhalten weisen sie das Kind zurück und überlassen es sich selbst. Sie geben ihm zu erkennen: „ich habe keine Zeit für dich”.
Misslingt das Bemühen um Kontakt und Aufmerksamkeit, zieht sich das Kind schließlich resigniert zurück: „ich werde nicht gesehen”.

Regulation des Bedürfnisses

Unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hat nichts mit Beschäftigung oder Langeweile zu tun. Es ist ein wichtiger Selbstzweck, der unsere Entwicklung vorantreibt. In einer Atmosphäre von Aufmerksamkeit sind wir in einem Lernmodus, in dem wir uns ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Sinnzusammenhänge erfassen und über die Reaktionen anderer mehr über uns erfahren können.

Erkennende Instanz
Die in unserer Wahrnehmung erkennende Instanz, für alle Formen von Aufmerksamkeit, die wir geben oder bekommen, ist das „sich einlassen”. Wir erkennen in uns den Vorgang, den dieses Verhalten in uns hinterlässt. Wir nehmen einen Kontakt oder eine Beziehung auf, die auch eine Form von Zuwendung und Förderung darstellt.
Unser „sich einlassen” ist bedingungslos, vorurteilsfrei und ganz nah. D.h. wir werden auf allen Sinneskanälen angesprochen, an denen meist unser Einfühlungsvermögen[7] beteiligt ist, um zu einer umfangreichen Einschätzung bzw. Modellbildung einer Sache oder eines Menschen zu gelangen.
Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sorgt zum einen für eine Bewusstwerdung der erlebten Zuwendungsform und zum anderen für das Erkennen des benötigten Bedarfs. Aufmerksamkeit hat Elemente von Schutz und Anteilnahme, schafft Vertrauen und sorgt für ein umsichtiges Sozialverhalten.
Der Blick unserer Wahrnehmung ist immer in drei Richtungen gerichtet, nach innen, außen und in Richtung einer spirituellen Haltung, die offen ist für Vorgänge außerhalb des bereits erworbenen Erfahrungshorizontes.
Wahrnehmung
Aufmerksamkeit zu bekommen, ist ein freiwilliges und angenehmes, einfach schönes Gefühl. Wir erhalten eine Wertschätzung, die uns nicht aufgedrängt wird, wir müssen sie uns nicht erarbeiten oder dafür etwas hergeben. Sie macht uns innerlich stark und sättigt unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und gibt uns das Gefühl: „ich werde gesehen”.
Jemanden Aufmerksamkeit zu schenken, ist ein Zeichen von Wohlwollen und Achtung vor dem Leben, einem Ausdruck von Liebe und Hingabe. Die Energie wird quasi durch die Person hindurchgereicht. Durch die freiwillige, dienende Haltung, nehme ich Abstand von meinem Ego, indem ich mich zurücknehme, ohne aber mich selbst und meine Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren.
Wenn ich Aufmerksamkeit „verschenke”, bekomme ich immer auch etwas wieder zurück. Es ist aber kein Prinzip des Gebens und Nehmens, wo ich Handel treiben kann und Aufmerksamkeit als Dienstleistung oder Ware eintausche. Aufmerksamkeit ist der Beginn eines Dialogs, über den ich mit dem Leben in Verbindung trete und mich auf das Geschehen einlasse. Wenn ich aufmerksam bin, lerne ich etwas über Menschen und dem Leben. Ich erkenne Gesetzmäßigkeiten, die mir mein Integrieren in das Leben erleichtern. Die Energie ist oft „transformiert”, z.B. schenkt die nette Verkäuferin dem Kleinkind ein Bonbon und das Kind strahlt zurück. Es öffnet und freut sich, um so seine Dankbarkeit auszudrücken. Diese reine Energie erreicht auch die Verkäuferin, die sich über die Reaktion des Kindes ebenfalls freut. Diese Dankbarkeit funktioniert auch, ohne dass das Kind das Wort „Danke” sagen muss.
Die nach innen gerichtete fluktuierende Aufmerksamkeit erfasst unsere auf ein situatives Erleben gerichteten und erinnerten Gefühle, aber auch vom Körper selbst kommunizierte Signale, wie Anspannung, Entspannung, Wohlempfinden, Stress und andere. Sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken ist ein Akt der Zentrierung: „Ich spüre in mich hinein.”
Auch wenn wir unsere Instinkte nicht bewusst erfassen können, sondern nur instinktive Handlungen bzw. Handlungsimpulse (Handlungsaufforderungen), so gelingt es uns doch, zwanghaftes Verhalten aus einer unverarbeiteten Kindheitsgeschichte, vom instinktiven Verhalten zu unterscheiden. Wir erspüren die uns leitende Energie bei Instinkten als „wohlwollend”, während Zwänge eine zerstörerische Energie in sich tragen.
Negative Aufmerksamkeit ist herablassend, erniedrigend, erdrückend, bevormundend, kontrollierend, einengend oder sogar strafend. Das Kind wird von uns nicht mehr wirklich gesehen, sondern wir neigen dazu, unsere Vorurteile dem Kind gegenüber zu bestätigen. Wie gemein ist es doch, dem Kind ins Gesicht zu sagen: „Du warst nicht geplant”, „wir haben uns ein Mädchen gewünscht”, wenn es ein Bub ist und noch viele andere Bemerkungen, die unterhalb der Gürtellinie verletzen. Aber nur ein Elternteil von meinen Klienten hat seinem Kind gesagt: „Warum soll es dir besser ergehen wie mir.” Die ganze Bosheit ist damit ausgesprochen und doch ist es ehrlich, weil das Kind ab jetzt weiß, was es von seinem Elternteil zu halten hat. Der Regelfall ist aber, dass das Kind die negative Aufmerksamkeit zu spüren bekommt, zu einem Objekt verkommt und den Erwartungen der Eltern genügen muss. Die Messlatte der Erwartungen ist aber oft so hoch gesetzt, dass sie vom Kind nie erreicht werden kann.
Erinnerte Gefühle können unreflektiert unsere Aufmerksamkeit beeinflussen. Wir projizieren dann eigene, unbewusste bzw. verdrängte Erlebnisse in unser Gegenüber hinein, um sie dann im Gegenüber, als einen psychosozialen Sündenbock, zu bekämpfen.
Erlebniszustände
Jegliche Form von positiver Aufmerksamkeit hat die Tendenz mich zu öffnen. Deshalb haben die Haltungen „bedingungslose Akzeptanz” und „Wertschätzung” als Wirkfaktoren einer Gesprächspsychotherapie auch eine positive Wirkung auf die Klienten.
Im Zustand der Aufmerksamkeit bin ich dem Leben und seinen Ereignissen gegenüber aufgeschlossen. Dies umfasst auch neue, unerwartete Situationen, meist Wendungen des Geschehens, in denen ich handlungsfähig bleibe, weil ich mich auf die Veränderung einstellen oder fügen kann. In meinem Agieren bleibe ich flexibel.
Jegliche Form von Aufmerksamkeit wird für uns unerträglich und ich reagiere mit Angst bis Panik und bin verschlossen. Ich vermeide im Mittelpunkt einer Öffentlichkeit oder eines Geschehens zu stehen und stehe lieber versteckt am Rande. Die ständige Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren, erzeugt einen hohen Stresspegel.
Oder ich kontrolliere zwanghaft eine Situation und mich selbst und versuche durch die Manipulation anderer Menschen meine Erwartungen zu bestätigen, die mir Sicherheit suggerieren.
Antriebsenergien
Die Antriebsenergie unserer Aufmerksamkeit ist liebevoll ausgerichtet. Wir spüren diese Liebe in unserem Handeln, aber auch in der Art zu denken und sind auch bereit, unsere Bedürfnisse einer „höheren” Sache unterzuordnen. In unserem Tun erleben wir viel Bestätigung und Erfüllung, so dass wir oft sogar gestärkt und ausgeglichener aus einer Begegnung wieder hergehen.Da wir uns in einer gefahrvollen Situation befinden, wird Angst bis Panik in uns spürbar. Unsere Kontrollinstanz sucht nach Sicherheiten, an denen wir uns klammern können (z.B. Kuscheltiere oder Meidung der angstauslösenden Situation). Wir vermeiden eine Verschlechterung unserer Situation, indem wir auf Altbewährtes, Halt und Orientierung gebendes Verhalten zurückgreifen.

Unsere Entwicklung wird zu Gunsten der Erhaltung unserer Stabilität zurückgestellt oder sie wird sogar regressiv (Rückfall in kindliche Verhaltensweisen). Der noch einzige verbleibende positive Antrieb kommt aus dem Bestreben bzw. der Not heraus, sich etwas zu geben und „Spaß haben wollen”. Dieses „etwas” wird durch Stimulation erreicht, einem Versuch, dem Leben doch noch etwas abzugewinnen. Es ist eine willentlich gesteuerte Suche nach Verlässlichkeit, indem wir die nicht erfahrene Erfüllung durch eine aktiv kontrollierbare Belohnung ersetzen. Eine Suchtstruktur wird angelegt, um den Seelenschmerz zu beteuben.
Haltung
Aufmerksamkeit in der Spiritualität sucht und erkennt das Schicksal als das Wirken einer „höheren Macht”. Wir geben uns dem Leben hin und lassen uns auf ein Geschehen ein, ohne uns aufzugeben oder dagegen anzukämpfen. Neben Demut erfordert diese Haltung auch viel Mut und Vertrauen, sowohl in unsere eigenen Fähigkeiten, als auch in das Wohlwollen anderer Menschen und dem Schicksal selbst.
Der Gelassenheitsspruch aus dem Selbsthilfeprogramm der AA-Gruppen unterstützt diese Haltung:
Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Negativ erlebte Aufmerksamkeit ist sehr verletzend. Sie stört oder zerstört unser Vertrauen und unsere Beziehungsfähigkeit. Wir reagieren mit Angst und werden verschlossen und misstrauisch und gehen kein Risiko mehr ein, verletzt bzw. enttäuscht zu werden. Lieber machen wir alles selbst, um nicht abhängig oder ausgeliefert zu sein. Wir verleugnen dabei unser Bedürfnis nach anderen Menschen und werden zum Einzelgänger, einem Sonderling oder Einzelkämpfer.
Wir lernen früh, dass wir selbst für unser Wohlergehen sorgen müssen. Die Bequemlichkeit der Eltern macht uns zu einem Ich-bezogenen Menschen.

Reifungsprozess zur Ich-Stärke

Menschen, denen Aufmerksamkeit zuteil wird, werden in ihrer Gefühlswahrnehmung, ihrem Gefühlsausdruck und deren Versprachlichung gefördert. Sie entwickeln dadurch nicht nur eine feinere und tiefere Wahrnehmung ihrer Gefühlswelt (Bedürfnisse, Antriebsenergien, Instinkte, Intuition und Erinnerungen), sondern erleben ihre Emotionalität auch als Teil eines nonverbalen Dialogs mit der Außenwelt, mit der sie sich innerhalb eines emotionalen Flusses austauschen und so für ihre Bedürftigkeit sorgen. Über die Aufmerksamkeit von Bezugspersonen wird außerdem vermittelt, wie das Einlassen und Kennenlernen neuer Situationen und fremder Menschen bewerkstelligt werden kann.

Metakompetente Menschen haben eine ausgeprägte und verlässliche Wahrnehmung über ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sie haben Bewusstsein über innerer Vorgänge bzw. Prozesse und deren Zusammenhänge, sie zeigen ein hohes Einfühlungsvermögen, erleben Mitgefühl, aber auch Beweggründe, Blockaden und Abwehrmechanismen. Sie sind offen und aufgeschlossen, auch allem Neuen gegenüber, sind flexibel, erkennen Veränderungen, drücken Achtung und Wertschätzung anderen Menschen gegenüber aus, lassen sich auf Menschen und Situationen ein, können abstrakte Sinnzusammenhänge erkennen und zeigen ein stabiles Selbstbewusstsein. Sie haben eine ausgeprägte soziale Kompetenz und Führungskompetenz (Alphatierverhalten) deshalb können sie Menschen auf ihrem Weg und in ihrer Entwicklung leiten und begleiten.

Fähigkeiten
Durch unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit werden in unserem Gehirn erlernte Strukturen aufgebaut, die unser emotionales Einfühlungsvermögen verfeinern. Wir lernen die empfangenen Signale in die richtigen Handlungsstrategien umzusetzen. Selbstbewusstsein entsteht aus einem sich selbst bewusst sein. Nebenbei schult dies auch unsere Konzentrationsfähigkeit und Präsenz, da wir lernen, auf Schlüsselsignale selbstbewusst zu reagieren und Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen.
Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt ist der Aufbau unserer Kooperationsfähigkeit[8]. Hier geht es um Absprache und Abstimmung, um ein Ziel gemeinsam verfolgen zu können. Was früher für unser Jagdverhalten überlebenswichtig war, wird heute durch unsere Teamfähigkeit ersetzt.
Die nächste Entwicklungsstufe erfasst gruppendynamische Prozesse und formt unser Kollektivbewusstsein[9]. Voneinander lernen, die Schwächen und Stärken einzelner Gruppenmitglieder zu erkennen, sich als Gruppe stark zu fühlen und die Effektivität des Vorankommens verbessern, sind hier die Entwicklungsziele (Aristoteles: das Ganze ist mehr wie die Summe seiner Teile). Dies sind wichtige Vorteile für die Wertschöpfung innerhalb einer Gruppe und ermöglicht unseren Fortschritt. Unser Bewusstsein verändert sich vom Ich- zum Wir-Denken[10] und wir entwickeln mehr Toleranz gegenüber einer Andersartigkeit, die eine Ergänzung im Sinne von Vielfalt und damit eine Bereicherung der Gruppe darstellen kann. Identifikation mit der Gruppe und Solidarität untereinander werden strukturiert, ebenso wie neue Werte, die die Besonderheiten der Gruppe beschreiben.
Negative Aufmerksamkeit und Vernachlässigung hinterlassen in einem Kind Qual und Verletzung. Weil sich keiner Zeit nimmt und um seine Entwicklung kümmert, fehlt es ihm an emotionaler Schwingungsfähigkeit und Selbstwahrnehmung. Es bildet sich eine erzwungene Autismus Spektrum Störung[11], die das Kind zusätzlich sozial isoliert. Es wird in seinem Gehirn eine sehr negativ ausgerichtete Lernbereitschaft strukturiert. Neben einer generalisierten Angststörung und einer chronischen Depression (Dysthymia) haben sie als Erwachsener ein schlechtes Selbst- und Körperkonzept. Dies zeigt sich z.B. in dem Hang, sich selbst durch überzogene Erwartungen zu überfordern oder sich hängen zu lassen und zu resignieren. Sie wissen nichts über Menschlichkeit, weil sie sie nie erfahren haben und menschliche Verhaltensweisen machen ihnen Angst, weil sie sie nicht verstehen und keine Erfahrungen in der Interaktion besitzen.
Typisch ist auch das Einzelkämpfer Verhalten. Durch die in der Erziehung früh erzwungene Selbstständigkeit, entwickelt sich eine panische Angst davor, Fehler machen zu können oder von anderen abhängig zu sein.
In Gruppen verschließen, verstecken oder verstellen sie sich und können sich anderen Menschen nicht mitteilen. Dies hat auch Einfluss auf das Reflektionsvermögen und die Realitätsüberprüfung. Sie zeigen keine Verlässlichkeit, treffen keine Absprachen und stimmen sich nicht mit anderen Menschen ab. Ihr gruppendynamisches Verhalten ist elitär, weil sie sich als etwas Besseres fühlen, auf andere Menschen von oben herab sehen und über den Dingen stehen (z.B. Zickenverhalten). Schwächen werden in solchen Gruppen sanktioniert und jeder sorgt für sein eigenes Wohlergehen, ausgedrückt durch eine Ich-Bezogenheit und Ellenbogenmentalität.
Fertigkeiten
Mit dem Strukturieren von Fähigkeiten werden auch neue Handlungsstrategien erlernt. Sich auf neue Situationen und fremde Menschen einzulassen, gehört mit zu einem wichtigen Entwicklungsschritt unseres Sozialverhaltens. Im Dialog können wir uns jetzt mit unseren Erfahrungen austauschen und lernen so voneinander, Informationen und handwerkliches Geschick zu erlangen oder zu verbessern.
Im kooperativen Verhalten erweitern wir unsere Möglichkeiten, indem wir uns in den Handlungsabläufen abstimmen. Was wir als einzelnes Individuum nicht schaffen, ist jetzt mit einer Gruppe doch plötzlich möglich. Diese Erweiterung unseres Horizontes lässt uns erfolgreicher werden, Kunst und Kultur entdecken und sorgt für Hobbys.
Das Verhaltensspektrum von Kindern mit mangelnder Aufmerksamkeit erinnert stark an eine Autismus Spektrum Störung. Viele dort als bezeichnend dargestellten Merkmale finden sich auch hier wieder, was vor allem an der erzwungenen frühkindlichen Entwicklungsstörung liegt. Die Grundlage der Grundbedürfnisse und der mit ihr verbundenen Modellbildung fehlt ihnen und müssen wie beim Autisten durch Konstrukte ersetzt werden. Alle weiteren Entwicklungsschritte, die darauf aufbauen, können sich nicht entwickeln. Emotionale Bewertungsmuster werden verdrängt, abgespalten und fragmentiert. Emotionale Verarbeitungsprozesse finden unvollständig statt. Allein daraus ergeben sich psychische Probleme, wie bei traumatisierten Menschen.
Sie wirken unerreichbar und wie in einer anderen Welt, meiden den Körperkontakt und beantworten ihn nicht. Sie kennen ihre Bedürfnisse nicht, verhalten sich gegenüber anderen Menschen eher gleichgültig und nehmen keinen Kontakt zu ihnen auf. Beim Spiel zeigen sie Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen Kindern, können sich in sozialen Situationen nicht richtig verhalten und zeigen Unsicherheiten oder nutzen Konventionen aus indem sie z.B. vereinnahmend sind. Im Verhalten zeigen sie einseitiges, stereotypes Interaktionsverhalten und sind auf das eigene Wohlergehen bedacht (Profit statt Effizienz). Sie wollen keine Veränderungen, sind objektorientiert, nicht menschorientiert und tun sich schwer in Lernsituationen.
Negative Aufmerksamkeit in Form von Strafe und Gewalt macht Kinder aggressiv und sie agieren diese Aggression gegenüber anderen oder gegen sich aus (Autoaggression).
Negative Aufmerksamkeit kann auch durch eine „Überversorgung” entstehen. Dieses vordergründig liebevolle Verhalten der Eltern ist vereinnahmend und kontrol-lierend. Es wird massiv Einfluss auf die Entwicklung und Ausformung der Persön-lichkeit genommen, um das Kind nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten und umzuerziehen.
Ich-Stärke
Das Ziel, das über unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit angesteuert wird, ist die Entfaltung unseres Selbstbewusstseins.
Selbstbewusstsein entsteht zunächst in seiner einfacheren Form, indem wir uns unserer Gefühle und Motivationen bewusst werden. Die eigentliche Ich-Stärke entfaltet sich dann aus unserem Einfühlungsvermögen und den jeweiligen verbundenen Modelle.
Die abgespaltenen Ängste bewirken eine starke Wesens- bzw. Persönlichkeitsveränderung in Richtung einer Ich-Bezogenheit, die theatralisch-ambivalent oder narzisstisch ausgerichtet ist, um in der inneren Not nicht zu kurz zu kommen.

Literatur

[1] Das Problem im Hintergrund ist unsere eingeschränkte, bewusste Informationsverarbeitungsfähigkeit. Es wird geschätzt, dass etwa 40 Millionen Informationen pro Sekunde auf unser Gehirn einströmen. Unser Gehirn kann diese Flut an Sinneseindrücken aber nur bewältigen, indem es in einem parallelen Verarbeitungsprozess die Erlebnisse zunächst unbewusst verarbeitet. Die Ergebnisse werden emotional gewichtet und zu unserem Bewusstsein weitergeleitet. Dieser bewusste, jetzt serielle Verarbeitungsprozess kann aber nur maximal 40 Eindrücke pro Sekunde verarbeiten. Damit wird klar, dass nur die allerwichtigsten Informationen zu unserem Bewusstsein gelangen dürfen, sonst fühlen wir uns überfordert.

[2] Dan Simons; selective attention test: dansimons.com/videos.html

[3] D. Stern, Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta, 1992, „affect attunement” (S 198 ff)

Dornes, M.: Der kompetente Säugling: Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt am Main : Fischer, 1993

STERN sieht drei Formen des attunements. In der ersten Form, dem „communing attunement” geht es lediglich um das gemeinsame Erleben von Mutter und Kind. Ein neun Monate altes Kind spielt zum Beispiel mit einem Gegenstand und schlägt ihn mit einem bestimmten Rhythmus und sichtlicher Freude an den Boden. Die Mutter hebt im selben Rhythmus den Arm, lässt ihn wieder fallen und sagt dabei „KAA – BAM” ([110], S 201). Es geht der Mutter dabei nur darum, an der Freude des Kindes zu partizipieren. Die zweite Form und dritte Form beeinflussen hingegen das Kind. Beim „selektiven attunement” wird die eine Interaktion von den Eltern freudig begleitet, die andere, die den Eltern vielleicht Missbehagen oder Ärger bereitet, ignoriert. Die Eltern kommunizieren so „durch selektive Einstimmung auf averbalem Weg ihre Wünsche und Abneigungen und werden vom Kind so verstanden” ([43] S 156). Gebote und Verbote können so nichtsprachlich vermittelt werden. Beim „tuning” reagiert die Mutter innerhalb der Interaktion auf den kindlichen Affekt, die Reaktion kann aber deutlicher oder weniger deutlich ausfallen als der kindliche Ausdruck. Das „tuning” ist ein Weg „in das Kind und sein Gefühlsleben hineinzukommen und von innen heraus zu verändern” ([43] S 157).

[4] An experiment by Joseph Campos: „the visual cliff”, www.youtube.com/watch?v=p6cqNhHrMJA

[5] §225 Strafgesetzbuch, Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit

[6] de.wikipedia.org/wiki/Distanzlosigkeit

[7] Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl gezählt. Die neuere Hirnforschung legt allerdings eine deutliche Unterscheidbarkeit des empathischen Vermögens vom Mitgefühl nahe.

Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten.

Aus Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Empathie

[8] Warum wir kooperieren, Michael Tomasello, Suhrkamp Verlag

[9] Nach Alfred Vierkandt bilden die Angelegenheiten einer sozialen Gruppe die kollektiven Bewusstseinsinhalte, die das kollektive Subjekt in Form des „Wir” gegenüber dem individuellen „Ich” formuliert.
Aus wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Kollektiv#Kollektivbewusstsein

[10] Wir-Intentionalität, so die Verfechter, sei die grundlegendste Form von Gemeinschaftlichkeit. Indem zwei Personen sich auf ein gemeinsames Ziel festlegen, strukturieren sie ihr Handeln in der Weise, dass sich nicht mehr von zwei Einzelhandlungen (oder Handlungsketten), sondern von einer gemeinsamen Handlung sprechen lässt. Verbunden mit diesem Phänomen sind die Fragen nach gemeinsamem Wissen, gemeinsamen Absichten und gemeinsamen oder geteilten Überzeugungen.
Aus wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Sozialontologie

[11] Aus Autea (Gemeinnütziges Institut für Autismus):
www.autea.de/autismus/sozialverhalten

Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit

Dialog

Kind signalisiert
„ich bin lebendig”„du hast für mich da zu sein”
Eltern spüren
„ich kann dich erleben”
(„ich fühle mich beschenkt”)
„ich fühle mich vereinnahmt”
Eltern signalisieren
„ich bin dir zugewandt”„ich habe keine Zeit für dich”
Kind spürt
„ich werde gesehen”„ich werde nicht gesehen”

Regulation

Instanz

Einfühlungsvermögen
Erlebniszustand
aufgeschlossenverschlossen
Antriebsenergie
NeugierdeAngst
Haltung
Offenheit
„ich mute mich dem Leben zu”
Verschlossenheit
„ich mache es selber”

Reifung

Fähigkeit
Konzentration und PräsenzIgnoranz
(Tunnelblick)
Fertigkeit
Einlassen
(Kennenlernen, wertschätzendes Verhalten)
vereinnehmendes Verhalten
Ich-Stärke
Selbstbewusstsein
Ich-Bezogenheit