Fürsorge

Das Wort Fürsorge kommt aus dem mittelhochdeutschen „vürsorge” und bedeutet „Besorgnis vor Zukünftigem”. Dies ist die heutige Bedeutung seit dem 16. Jahrhundert.[1]

Merkmale unserer Fürsorge

Zu unserem Fürsorgeverhalten gehört das Kind gesund zu ernähren, es körperlich zu pflegen, für seine Gesundheit zu sorgen, es vor Gefahren zu schützen, zu denen auch alle Arten von Überforderung zählen und ihm Rückzugsmöglichkeiten der Erholung zu bieten, wie z. B. einen ungestörten Schlaf.[2]

Das Kind erlebt über unser Fürsorgeverhalten aber auch, wieviel Zeit und Aufmerksamkeit wir ihm schenken, wie wichtig es für uns ist und welchen Wert es in unserem Leben einnimmt, den wir mit Liebe, Dankbarkeit, Freude und Aufopferung ausdrücken. Es erfährt die positive Wirkung, die es auf uns ausübt, indem es uns glücklich macht und dass es zu einem festen Bestandteil der Familie gehört und am Familiengeschehen Anteil haben darf.

Ganz typisch für unser Fürsorgeverhalten ist auch das Überblicken von möglichen Gefahrenquellen und -situationen. Ein Kleinkind weiß noch nichts über die Gefährlichkeit des Lebens und ist ganz auf unseren Schutz angewiesen. In unseren Gedanken schätzen wir zukünftige, potentiell riskante Momente ab, um rechtzeitig reagieren zu können. Wir sorgen für eine Atmosphäre des optimalen Gedeihens.

Unser Fürsorgeverhalten vermittelt bzw. verrät unser inneres Wertesystem, nach dem wir handeln und unser Leben gestalten. Es gibt dabei nur zwei unterschiedliche Grundhaltungen, die unsere Befriedigung der einzelnen Grundbedürfnisse ausrichten und steuern. In unserem Sozialverhalten zeigt sich, welche Einstellungen wir gegenüber dem Leben haben, ob wir uns lebensbejahend oder lebensverleugnend verhalten. Die jeweiligen aktivierten Antriebsenergien aus dieser Lebenseinstellung bilden Gegensätze zueinander und bestimmen die Antworten auf die folgenden Fragen:

Welches Recht auf körperliche Unversehrtheit erfährt das Kind?

Welches Recht auf Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit wird dem Kind zugestanden?

Welches Recht auf Förderung seiner Fähigkeiten wird dem Kind erlaubt?

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit

Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung von Kindern wurde im Jahr 2000 in der deutschen Gesetzeslage verankert. Im Paragraf §1631 des BGB heißt es in Absatz 2:

„(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.”

Aber wie lange kann man ein Kleinkind unbeaufsichtigt sich selbst überlassen? 5 Minuten, 10 Minuten, 1 Stunde oder länger? Und wie lange hält es ein Kind aus, wenn die Mutter nicht mehr mit ihm spricht? 10 Minuten, 1 Stunde, 1 Tag oder mehr?

Es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, Regeln für ein korrektes Fürsorgeverhalten aufzustellen. Wir Menschen sind sehr unterschiedlich in unserem Temperament und unseren Fähigkeiten. Aber aus den Lebensgeschichten meiner Klienten weiß ich, dass mehrere Stunden der Einsamkeit und Ungewissheit, am Stuhl angebunden zu sein und den spielenden Kindern durch das Fenster zuschauen zu müssen, oder mehrere Tage des Liebesentzugs und Ignorierens, Folter für ein Kind bedeuten.

Leider hält sich immer noch das verbreitete Vorurteil, das Kleinkind wolle mit seinem Schreien nur seinen Dickkopf durchsetzen. Die Trotzphase im Kleinkindalter entwickelt sich aber erst viel später und ist vielleicht auch nur ein Hilferuf auf eine bereits spürbare Fehlentwicklung des Fürsorgeverhaltens der Eltern. Reagiert die Mutter beispielsweise wiederholt nicht auf den Hungerschrei des Babys, weil die Fütterzeit angeblich noch nicht dran ist, dann wird der Sinnzusammenhang zwischen dem Hungergefühl und dem Hungersignal gestört. Das Schreien des Kindes wird gewaltsam „abdressiert”, woraus sich häufig eine Essstörung entwickelt.

Eine andere Form des Fehlverhaltens ist die Vernachlässigung des Kindes. Hier fühlen sich die Eltern überfordert und lehnen die Verantwortung gegenüber dem Kind ab. Häufig muss das Kind frühzeitig Selbstständigkeit übernehmen, indem es sich eigenständig anzieht, die Brote für den Kindergarten richtet und alleine zur Einrichtung geht. Seine Scham vor der Entdeckung seiner erlebten Vernachlässigung wird oft von dem Stolz über das „erwachsen sein” und seine „erlaubten Freiheiten” verdeckt. Diese Kinder spielen häufig unbeaufsichtigt draußen, oder sind die ganze Zeit in ihrem Zimmer. Von anderen Kindern werden sie als „krankes Huhn” erkannt und es wird auf ihnen herumgehackt oder auf neudeutsch, sie werden gemobbt. Leider kommt es manchmal auch zu sexuellen Übergriffen, denn der Täter erkennt die Verhaltensauffälligkeiten seines Opfers. Bei allen meinen Klienten, denen dies widerfahren ist, wissen die Eltern bis heute nicht, was damals passierte. Aus Angst und Scham wird alles verschwiegen und es frisst sich tief in ihre Seele.

Das Recht auf eine eigenständige Persönlichkeit

In unserem Fürsorgeverhalten zeigt sich häufig ein Besitzanspruch, den die Eltern auf ihr Kind, über die Formen der Einflussnahme, ausüben. Mit dem Begriff „Erziehung” wird dann eine Einstellung verbunden, dass das Kind mit der Geburt noch nichts kann und es erst durch uns auf das Leben vorbereitet werden muss. Unsere Vorstellung von Erziehung verleitet uns dann zu glauben, dass wir unsere Kinder nach unseren Wünschen und Wertvorstellungen formen können, damit aus ihnen später etwas wird. Eine gewaltvolle Erziehung oder moderne Form der Leibeigenschaft entsteht, wenn ein Kind für die Eltern da sein muss, für deren Bedürfnisse zu sorgen hat, sich nach deren Wünschen und Vorgaben zu richten hat und deren Erwartungen erfüllen soll.

Allgemein bekannt und doch wohl unterschätzt, ist das Phänomen, dass Eltern ihre psychischen Probleme erziehungstechnisch an ihre Kinder weitergeben. Besonders die Gruppe der Eltern mit einer Persönlichkeitsstörung ist hier betroffen. Persönlichkeitsstörungen sind Entwicklungsstörungen der Persönlichkeit in der frühen Kindheit. Alice Miller hat diesem Thema ein Buch gewidmet: „Am Anfang war Erziehung”[3]. Hier geht es um das Thema „Schwarze Pädagogik”[4], einer Wertvorstellung aus dem 18. Jahrhundert, der wir noch bis heute ausgesetzt sind.

Aus einer ganz anderen Problemecke kommt ein weiteres schwerwiegendes Hindernis für die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. Wie lange dauert es eigentlich, bis die Traumatisierungen eines Krieges verarbeitet werden konnten? Die Antwort lautet: wohl eher 7 Generationen! In ihrem Buch „Kriegsenkel”[5], von Sabine Bode, schildert sie die Nachkriegsgeneration mit ihren bezeichnenden Verhaltensweisen gegenüber ihren Eltern. Die Eltern waren in ihrer Kindheit weitgehend ohne die Liebe ihrer Eltern aufgewachsen. Der Vater war entweder im Krieg gefallen, in Kriegsgefangenschaft geraten, oder schwer traumatisiert zu Hause. Die Mutter musste ums nackte Überleben ihrer Kinder kämpfen und hatte dadurch nur wenig Zeit, sich liebevoll den Kindern zu widmen. Vielleicht hat auch die Propaganda der NS-Zeit den Erziehungsstil beeinflusst. Jedenfalls wurden die Nachkriegskinder so erzogen, dass sie den nicht erfüllten Liebeshunger der Eltern stillen mussten. Dies ist so, als würden Küken die Glucke füttern. Die natürlichen Abläufe der Entwicklung stehen Kopf. Inzwischen gibt es schon zwei weitere Generationen, aber jede Generation scheint ihre sehr speziellen Auffälligkeiten zu haben. Im nächsten Abschnitt ist die aktuelle Generation beschrieben.

Als Helikopter-Mütter[6] wird ein Fehlverhalten hauptsächlich von Müttern beschrieben, das dem eigenen Kind nichts zutraut. Aus Angst und Sorge heraus wird das Kind überversorgt und damit klein gehalten und ängstlich gemacht. Sie bestimmt über die Bedürfnisse des Kindes. Die eigene (abgespaltene) Angst wird auf das Kind projiziert, also in das Kind hineingedacht. Fast immer ist es die eigene, unbearbeitete Kindheit der Mutter, die über das Reinszenieren so viel Macht entwickelt und die Entwicklungsprozesse im Kind nachhaltig stört.

Das Recht auf freie Entfaltung

Weitere Formen der Einflussnahme entstehen über kulturelle Zwänge. Wir nehmen uns z. B. das Recht heraus, über die Religionszugehörigkeit unserer Kinder zu entscheiden. Auch das Wort Bildung macht dem Kind konkrete, pauschalisierte Vorgaben innerhalb eines Orientierungs- oder Bildungsplanes, was es wann zu lernen hat und was wichtig für das Kind ist. Es werden weder Bedürfnisse noch Begabungen beachtet oder sein momentaner Entwicklungsstand berücksichtigt. Hier wird das Wort Förderung durch Forderung ersetzt und spiegelt meist wirtschaftliche und politische Interessen wieder. Soziale Fähigkeiten werden nicht vermittelt, die Emotionalität der Kinder bleibt auf der Strecke.

Eine gewaltfreie Form der Einflussnahme stützt sich auf eine Begleitung des Kindes zu einer eigenständigen Persönlichkeit. So wie ein Baum selbstständig dem Licht entgegenwächst, erkennt auch das Kind die richtige Richtung für seine Entwicklung. Es orientiert sich am liebevollen und wertschätzenden Fürsorgeverhalten, das es erfährt. Kinder wollen von Geburt an alles recht machen und uns glücklich machen, denn es ist ein Instinkt der sie leitet. Begleitung besagt, dass das Kind schon mit der Geburt alles in sich trägt, was es für seine Entwicklung braucht. So selbstverständlich wie das körperliche Wachstum, wird auch das psychische Wachstum gesteuert. Unsere Aufgabe ist es, ihm ein liebevolles und schützendes Umfeld zu bieten, das von Wohlwollen und Wertschätzung, lebendiger Freiheit zur Selbstverwirklichung und einer individuellen Förderung seiner Fähigkeiten geleitet wird. Andererseits ist es aber genauso wichtig dem Kind angemessene Grenzen zu setzen, in denen es Schutz und Geborgenheit erlebt, sozusagen einen sicheren Hafen, in dem es sich entwickeln und ausprobieren kann.

Mit zunehmendem Alter werden unsere Kinder selbstständiger. Unser Fürsorgeverhalten unterstützt nun die sozialen Reifungsprozesse im Kind. Ein wichtiger Entwicklungsschritt im Fürsorgeverhalten ist dabei die Förderung der Kinder in der Ausprägung ihrer Fähigkeiten und dem Erlernen von motorischen Fertigkeiten.

Die Verantwortung für die Fürsorge der Kinder obliegt den Eltern. Aus meiner Sicht unterschätzen wir diese Verantwortung und geben sie viel zu schnell an Institutionen wie Kindergarten und Schule ab, ganz im Vertrauen darauf, dass unsere Kinder dort auf das Leben vorbereitet werden. Dabei wissen wir doch bereits aus den Forschungen der Neurobiologie, dass ein Kind mit dem Stillen seiner Grundbedürfnisse gleichzeitig die Strukturen der Ich-Stärken in seinem Gehirn anlegt, die in der Neurobiologie Meta-Kompetenzen genannt werden. Aus unserem Fürsorgeverhalten lernt das Kind das vorausschauende Denken und Handeln, um später im Berufsleben eine verantwortungsbewusste Tätigkeit übernehmen zu können. Unsere Grundbedürfnisse entwickeln also Fähigkeiten, mit denen wir uns eine lebenswürdige und nachhaltige Zukunft gestalten können.

Dialog der Signale

Das Kindchenschema[7] löst in uns das Pflege- und Fürsorgeverhalten aus, das unsere eigenen Interessen in den Hintergrund rücken lässt, unsere Opferbereitschaft stärkt und gleichzeitig Aggressionen dem Kind gegenüber bremst.

Die Eltern und das Kind spielen sich schließlich so perfekt auf einander ein, dass die Mutter beim Hungerschrei des Kindes bereits einen Milcheinschuss bekommt. Das Kind erlebt, zusammen mit dem Gefühl von Geborgenheit und Aufmerksamkeit, einen sicheren Hafen als Grundlage seiner Reifungsprozesse, einem langen Weg zum Erwachsen werden.

Dialog
Durch seine körperlichen Merkmale und unbeholfenen, hilflosen Verhaltensweisen, zeigt sich uns ein Kind als bedürftig, schutzlos und auch abhängig von unserem Wohlwollen. Dieses Signal „ich bin bedürftig” spricht unser Instinktverhalten an und appelliert an unsere Liebe und Hilfsbereitschaft. Die Eltern „spüren ihre Liebe und Opferbereitschaft” zum Kind und in ihrem Verhalten sind sie sehr darum bemüht, dem Kind alles Recht zu machen, um ihm in seiner Not zu helfen. Dies ist das Signal „ich sorge für dich”. Zeigt sich unser Fürsorgeverhalten als verlässlich und bedingungslos, so erfährt das Kind „ich darf so (bedürftig) sein”. Wir nehmen es an, mit seiner Bedürftigkeit, seinen Schwächen und auch mit seinen Fehlern.Scheitert der Dialog wird das Kind zunehmend fordernd und macht deutlich „ich will haben”. Die Eltern reagieren durch seine Bedürftigkeit gereizt und empfinden „ich fühle mich ausgenutzt”. Sie signalisieren durch ihr Verhalten dem Kind „du bist mir eine Last”, was im Kind die intuitive Erkenntnis und Resignation fördert: „ich genüge nicht”.

Regulation des Bedürfnisses

Ziel unseres Fürsorgeverhaltens ist, dem Kind eine erfüllte Kindheit zu bieten, damit es als Erwachsener in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten stark genug ist, um in einer gefahrvollen Umwelt überleben und sich darüber hinaus weiterentwickeln zu können.

Das Kind lernt aus unserem Verhalten, wie es für seine Bedürfnisse und seine Gesundheit selber sorgen kann.

Erkennende Instanz
Die in unserer Wahrnehmung erkennende Instanz, für alle Formen des Für­sor­ge­verhaltens, ist unsere Achtsamkeit[8]. Durch sie erkennen wir die Qualität und Quan­tität der empfangenen Zuwendung, aber auch den Bedarf an Fürsorge, den wir selbst und andere haben.

Die Instanz Achtsamkeit sorgt zum einen für eine Bewusstwerdung der erlebten Zuwendung und zum anderen für das Erkennen des benötigten Bedarfs. Sie hat Anteile von Nähe, Einfühlungsvermögen, Vertrauen/Schutz und Umsicht.

Der Blick unserer Wahrnehmung ist immer in drei Richtungen gerichtet, nach innen, außen und in Richtung einer spirituellen Haltung, die offen ist für Vorgänge außerhalb des bereits erworbenen Erfahrungshorizontes.
Wahrnehmung
Unser Fürsorgeverhalten sorgt für eine optimale und nachhaltige Atmosphäre des Heranwachsens. Die reine und nährende Energie ist unsere Liebe, eine Energie, die ungebrochen an das Gute im Leben glaubt und ihre Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht in die Welt hinausträgt.

Die nach innen gerichtete Achtsamkeit wird auch Spürbewusstsein[9] genannt. Hier geht es um das „in sich hineinhören”, das manchmal eher einem Lauschen auf die leisen Töne des Körpers entspricht. Es ist eine Qualität von Nähe und Verbundenheit zu sich selbst, sich als Ganzes und als Einheit zu erleben.

Achtsamkeit unterstützt die Selbstintegration der psychischen Instanzen. D.h. alle Wahrnehmungsquellen werden einem „König”, dem Ich, untergeordnet, der die Entscheidungen trifft und die Verantwortung trägt.

Die nach außen gerichtete Achtsamkeit drückt sich über Umsicht und einfühlsamer Vorsicht aus. Wir erkennen so den Bedarf oder die Notwendigkeit unserer Fürsorge bei uns und anderen Lebewesen.
Wir können nicht wirklich von Fürsorge sprechen, wenn es um Vernachlässigung, Bevormundung oder einer Über­versorgung geht, die klein hält und abhängig macht. Oft stehen hinter unserem Fürsorgeverhalten das Verlangen nach Erziehung und der Glaube an die Formbarkeit des Kindes.

Wird das Fürsorgeverhalten der Eltern zur Mangelware, verkümmert das Kind und vegetiert vor sich hin. Aber auch eine Überversorgung in Form einer erdrückenden und bevormundenden Liebe oder materiellen Ersatzwerten wie Essen, Computer (Smartphone), Fernsehen und Süßigkeiten, haben sehr negative Folgen auf die Reifungsprozesse im Kind.

Eine Störung der Einheit des Ich-Er­lebens wird Zerrissenheit genannt und führt zu dissoziativen Störungen wie z. B. Depersonalisation[10] und Derealisation[11]. Dabei geht der Kontakt zu sich selbst verloren, weil die volle Aufmerksamkeit nach außen gerichtet werden muss, um potentielle Übergriffe frühzeitig erkennen zu können.

Das Erleben von ständiger Verletzung führt zu einer „Gewöhnung” bzw. Abstumpfung und unser Verstand beginnt die Verletzungen bereits im Stadium des Gewahrwerdens aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Erreichen die Verletzungen ein traumatisches Ausmaß, das auch durch jahrelange leichtere Verletzungen erreicht werden kann, beginnt unser Unbewusstes das ganzheitliche Erleben zu fragmentieren (abzuspalten).

Durch die konditionierte Grundeinstellung, wird die Aufmerksamkeit voller Kontrolle und Misstrauen nach außen gerichtet und in den Reaktionen anderer Menschen ein feindseliges Verhalten hinein interpretiert.
Erlebniszustände
Die positive Qualität der erlebten Fürsorge wird als innerer Erlebniszustand in Form von liebevoll, erfüllend, wohlwollend, gnädig oder barmherzig und wertschätzend bewertet.Eine negative Qualität der Fürsorge erleben wir als verletzend, da gegen angeborene Werte verstoßen wird, wie z. B. unsere Würde und Eigenständigkeit.

Die Vernachlässigung bzw. Ersatzbefriedigung erzeugt in uns ein tief nagendes Gefühl von Entbehrung und Todesbedrohung, das die Flucht in die Ersatzstoffe noch steigert.
Antriebsenergien
Bei einer liebevollen Zuwendung stellt sich in uns eine tiefe Dankbarkeit als Antriebsenergie ein, die uns öffnet und hingeben lässt.Die andauernden Verletzungen aktivieren in uns eine aggressive Energie, die uns dazu auffordert, uns zu schützen und aus der „Falle”, d.h. der Fehlentwicklung, zu fliehen. Im Loyalitätskonflikt mit den Eltern und um andere Menschen nicht zu verletzen, werden die freigesetzten Aggressionen zunächst unterdrückt bzw. es entsteht später eine destruktive Energie, die oft in Form von Autoaggression gegen sich selbst gerichtet ist. Manchmal wird sie aber auch in Form von Gewalt nach außen gerichtet.
Haltung
Als spirituelle Haltung stellt sich in uns eine tiefe Demut vor dem Leben ein und das Bedürfnis, dem Leben auch etwas zurückgeben zu wollen.Aus der Not heraus beginnt das Kind sich aktiv für seine Bedürfnisse einzusetzen und wird fordernd. Es entwickelt eine starke egozentrische, kämpferische Haltung mit der inneren Einstellung: „Das Leben hat mir etwas zu geben.” Das eigene Verhalten erscheint arrogant und rücksichtslos. Oder das Kind resigniert und lässt sich „hängen”.

Reifungsprozess zur Ich-Stärke

Liebe und Nachhaltigkeit

Wenn wir einer Pflanze unsere Liebe schenken, in Form von natürlichen Nährstoffen, umsichtiger Pflege und Schutz, dann ist sie auch in der Lage, uns ihre Form von Liebe zurückzugeben, durch reichhaltige und gesunde Nährstoffe, frei von schädlichen Einflüssen. Eine Liebe, die wir schmecken können und in Dankbarkeit an das Leben genießen dürfen.

Nachhaltigkeit im Alltag entsteht durch unsere Lebenseinstellung und ihrer Verwirklichung. Sie wirkt auf unsere Kinder, bietet ihnen eine erfüllte Zukunft und lehrt sie, mit Achtung und Würde vor dem Leben, ihr eigenes Leben zu verwirklichen.

Fähigkeiten
Als Erwachsener sind wir uns unserer Verantwortung bewusst und sorgen aktiv für unsere Entwicklung und Gesunderhaltung.

In der Gemeinschaft erkennen wir, wo wir gebraucht werden und wie wir helfen können, indem wir andere fördern, mitunter sie herausfordern oder unterstützende Hilfe zukommen lassen.


Zum Fürsorgeverhalten gehört auch das vorausschauenden Denken und Handeln, um Gefahren und Chancen frühzeitig zu erkennen und darauf reagieren zu können.
Erfahren wir viel zu wenig oder eine übertriebene Fürsorgen, dann werden wir abhängig, fordern ein oder werden hilflos und unfähig, uns um uns selbst zu kümmern.

Statt unseren Blick nach außen zu richten und aus der Fülle des Lebens zu schöpfen, haben wir Scheuklappen auf den Augen, sehen nur noch das, was wir sehen wollen, von dem wir angeblich wissen, dass es uns gut tut, kreisen um uns selbst und stagnieren in unserer Entwicklung.
Fertigkeiten
Im Zuge seines erwachenden Bewusstseins ist das Kind mehr und mehr in der Lage, sich selbst und anderen eine geeignete Form von Zuwendungen zu schenken und seine Hilfsbereitschaft auch anderen zukommen zu lassen, was wiederum sein Sozialverhalten stärkt. Es lernt aus dem Fürsorgeverhalten seiner Eltern für sich selber und anderen zu sorgen und wird so auf die Eigenständigkeit als Erwachsener vorbereitet.

Über das elterliche Fürsorgeverhalten erlernen wir, für uns selber zu sorgen. Wir werden eigenverantwortlich, selbstständig und können uns nun auch anderen Menschen fürsogliche zuwenden. Wir erkennen den notwendigen Bedarf bzw. das zu erfüllende Bedürfnis und reagieren darauf angemessen, d.h. nicht zu viel und nicht zu wenig.

In der Gemeinschaft erkennen wir, wo wir gebraucht werden und wie wir helfen können, indem wir andere fördern, mitunter sie herausfordern oder unterstützende Hilfe zukommen lassen.

Wir sind offen und drücken unsere Zuneigung durch Zuwendung aus und dienen einer Gemeinschaft oder dem Leben.
Ersatzbefriedigung, Sucht
(manipulieren, ausnutzen)
Ich-Stärke
Die positive Bedürfnisbefriedigung der Fürsorge sorgt für einen Aufbau des Selbstwertgefühls im Kind, indem es seinen Wert für die Familie erfährt. Durch die Modellbildung im Gehirn werden Strukturen für das vorausschauende Denken und Handeln und das innere Wertesystem angelegt.Die mangelnde und nicht „artgerechte” Fürsorge erzeugt Minderwertigkeitsgefühle im Kind. Das Kind wird kurz gehalten oder bevormundet, was eine Struktur der Abhängigkeit in sein Gehirn brennt. Das Kind bleibt unselbstständig und benötigt strikte Anweisungen. Der Hang zur Ersatzbefriedigung kann sich später in eine Suchtstruktur weiterentwickeln, die den er­littenen Schmerz überdecken soll.

 

Literatur und Anmerkungen

[1] Aus Duden online: www.duden.de/rechtschreibung/Fuersorge

[2] Viele Mütter mit einer gestörten psychosozialen Entwicklung ihrer Kindheit haben große Angst davor, eigene Kinder zu bekommen und für sie sorgen zu müssen. Sie wollen nicht so sein wie ihre eigene Mutter und nichts falsch machen. Sie scheuen die Verantwortung und fühlen sich überfordert. Das „Nestverhalten“, die Art und Weise wie das Kleinkind umsorgt wird, ist aber angeboren und in unserem Instinktverhalten verankert. Also nichts, was wir von den Eltern erlernen müssten. Ganz im Gegenteil ist es in der Therapie äußerst hilfreich, wenn diese Frauen eigene Kinder haben. Im direkten Vergleich mit den eingesetzten Erziehungsmustern, fällt es den Frauen leicht, das Fehlverhalten ihrer eigenen Mutter zu erkennen.

[3] Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, suhrkamp

[4] Katharina Rutschky, „Schwarze Pädagogik“, Ullstein

[5] Sabine Bode, „Kriegsenkel“, Klett Cotta

[6] Dr. Utz Anhalt, „Helikopter-Eltern“
Aus Heilpraxisnet: www.heilpraxisnet.de/helikopter-eltern

[7] 1943 postulierte Konrad Lorenz den Begriff Kindchenschema als Bezeichnung eines Merkmalaggregats des Kleinkindergesichts. Zu diesen Merkmalen zählen ein großer Kopf, eine hohe Stirnregion und damit einhergehend eine relativ weit unten liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus gehören ein rundliches Gesicht, große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich zum Körper größer als beim Erwachsenen, und die Gliedmaßen (Arme, Beine, Finger) sind kürzer.

Evolutionsbiologisch betrachtet bedeutet dieses Aussehen für Kinder einen Vorteil. Die Eltern erkennen durch diese Merkmale seine Schwäche und Hilfsbedürftigkeit und werden dadurch zu Schutz- und Pflegeverhalten animiert. Dass dies funktioniert, wies Thomas Alley 1983 nach: Erwachsene verhalten sich gegenüber kindchenschemagerechten Merkmalen stärker schützend, fürsorglicher und weniger aggressiv, als sie sich gegenüber Merkmalen älterer Individuen verhalten.
Aus Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Kindchenschema

[8] Für Vertreter des Mahayana-Buddhismus, ist eine positive, mitfühlende Haltung in allen Situationen die zentrale Komponente von Achtsamkeit. Diese Haltung drückt eine zuversichtliche Lebenseinstellung sowie Fürsorge und Mitgefühl aus (Hanh, T.N. (2007). Jeden Augenblick genießen: Übungen zur Achtsamkeit. Stuttgart: Theseus).

[9] Volker Siemer, „Spürbewusstsein“

[10] Ein veränderter Bewusstseinszustand, bei dem der Betroffene sich als verändert, fremd, nicht zu-sich-gehörig, leblos, fern oder unwirklich erlebt.
Aus wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Depersonalisation

[11] Eine zeitweilige oder dauerhafte abnorme oder verfremdete Wahrnehmung der Umwelt.
Aus wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Derealisation

 

Tabelle: Reifungsprozess

Dialog
Kind signalisiert
„ich bin bedürftig“ „ich will haben“
Eltern spüren
„ich fühle Liebe und Opferbereitschaft“ „ich fühle mich ausgenutzt“
Eltern signalisieren
„ich sorge für dich“ „du bist mir eine Last“
Kind spürt
„ich darf so sein“ „ich genüge nicht“
Selbstregulation
Instanz
Achtsamkeit
Erlebniszustände
liebevoll
(wohlwollend, wertschätzend)
verletzend
(vernachlässigend, bevormundend)
Antriebsenergien
Dankbarkeit
(Hingabe)
Aggressivität
(Destruktivität)
Haltung
Demut
„ich habe dem Leben etwas zu geben“
Egozentrik
„das Leben hat mir etwas zu geben“
Kompetenzen
Fähigkeiten
Unabhängigkeit, Weitblick Abhängigkeit, Scheuklappenblick
Fertigkeiten
Zuwendung, Förderung
(hilfsbereit sein)
Ersatzbefriedigung, Sucht
(manipulieren, ausnutzen)
Ich-Stärke
Selbstwert Minderwertigkeit