Geborgenheit

Der Ausdruck Geborgenheit gilt gemeinhin als unübersetzbar, existiert aber auch im Niederländischen und im Afrikaans, fehlt jedoch etwa im Englischen, Französischen und Russischen. Das Wort wurde 2004 im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs, den der Deutscher Sprachrat und das Goethe-Institut initiierten, zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt.[1]

geborgenheitMerkmale

Geborgenheit ist ein innerer Zustand von Vertrauen, Liebe, Hingabe und Zuversicht in den äußeren Schutz vor Gefahren und Umwelteinflüssen (Existenzbedürfnisse) und in die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, fühlen wir uns wohl und entspannen, geben uns der Regeneration und Pflege hin, fangen als Kind an zu spielen oder schlafen einfach ein. Wir sind für diesen Moment frei von Verpflichtungen, müs­sen nicht mehr funktionieren, suchen auch gerade keine Herausforderungen, sind mit uns in Kontakt und in einem Fluss. Wir sind zufrieden.

Unsere Lebensumstände gestalten das Bedürfnis und die Suche nach Geborgenheit. Je nachdem, ob es uns auf eine einsame Insel verschlägt, wir in einem Krisengebiet auf­wachsen oder ein gewaltvolles Zuhause haben, jedes Mal suchen wir eine andere Form der Geborgenheit. Wir suchen nach Schutz, Halt, Sicherheit und Orientierung, um unser Leben zu retten und Ängste abzubauen. Manchmal sind es auch Glaube, Zuversicht und Hoffnung, die uns in unserer Not helfen.

Die Sicherung unserer Existenzgrundlagen gehört zu unserem Überlebensinstinkt und hat bei der Suche nach Geborgenheit eine oberste Priorität. Oftmals wird uns dies erst bewusst, wenn wir den Arbeitsplatz verlieren, uns die Wohnung gekündigt wird oder der Partner uns verlässt. Die sich einstellenden panischen Ängste spiegeln die existenzi­elle Bedrohung in unserem Instinktverhalten.

Aber neben dem Kampf ums nackte Überleben, gibt es auch die lauernde, sich lang­sam anschleichende Bedrohung, die sich wie eine Schlinge immer fester um den Hals zieht und so zu einer tödlichen Gefahr wird. Für unseren Verstand sind solche Vorgänge schwer zu erfassen, weil es noch nichts Erkennbares, nichts Greifbares gibt. Aber unser Gefühl warnt uns bereits, indem sich in uns ein mulmiger, unbehaglicher Zustand ein­stellt, der sich bis zur Panik steigern kann. Wir gehen daraufhin in eine Hab-Acht-Stel­lung, ziehen uns in ein sicheres Umfeld zurück, verhalten uns bewusst, kontrollierend und beobachten intensiv unsere Umgebung auf mögliche potentielle Gefahren und Ver­änderungen. Wir sind gut darin beraten, dieser intuitiven Wahrnehmung zu vertrauen, denn Regeln vor Gefahren sind immer sehr unvollständig und erfassen nur wenige Mög­lichkeiten einer Gefahrensituation.

Für unsere Reifung zu einem erwachsenen, selbstständigen Menschen ist die Erfül­lung unserer Grundbedürfnisse eine notwendige Voraussetzung. Das Geborgenheitsge­fühl will sich z.B. nicht einstellen, wenn ich mich in keiner verlässlichen Situation be­finde oder ich mit meinem Schicksal hadere, weil ich es nicht annehmen kann. An die­sem Beispiel sehen wir auch, wie die einzelnen Bedürfnisse hier Geborgenheit und An­nahme, gegenseitig bedingen und aufeinander aufbauen, weil sie in einer Wechselwir­kung zueinander stehen.

Eine Fehlentwicklung unserer Reifung, ist eine weitere schleichende Gefahr, die von unserer Intuition emotional auf der Handlungsebene über eine Verhaltensauffälligkeit signalisiert wird.

Ein akuter Mangel an Geborgenheit in der frühen Kindheit ist ein lebensbedrohlicher Zustand und löst ein Notfallprogramm[2] aus. Ziel darin ist, über Kontrolle und Anpas­sung, die Überlebenschance zu erhöhen.

[1] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Geborgenheit
[2] Das Notfallprogramm, Volker Siemer

Dialog der Signale

Das kindliche Bedürfnis nach Geborgenheit und Unversehrtheit ist bereits in der Schwangerschaft aktiv. Das noch Ungeborene reagiert zum Teil heftig auf Verän­de­run­gen, die etwa durch Lautstärke in Form von Streit, Lärm oder unbekannte Geräusche, sein Wohlbefinden beeinträchtigen, aber auch auf körperliche Anstrengung und psychi­schen Stress der Mutter, wie ihre Angst oder Aggression. Zu diesem Zeitpunkt sind seine Reaktionsmöglichkeiten aber noch sehr eingeschränkt. Es versucht mit Unruhe durch Strampeln oder eine sehr ruhevolle Anpassung und der Hingabe an sein Schicksal, auf seine Not hinzuweisen.

Dialog
Nach der Geburt erleben wir über die Zartheit des Neugeborenen, seiner Hilflo-sigkeit und Unbeholfenheit, ein menschliches Wesen, das uns ganz ausgeliefert ist. Es ist das Signal des Kleinkindes: „ich vertraue dir”.

Diese ganz reine, einzigartige Ausstrahlung, appelliert an unseren Beschützerinstinkt. So angesprochen, erleben wir eine behütende Stärke und liebevolle Zuneigung, die uns über unser Verantwortungsbewusstsein klar macht: „ich bin wichtig” und das Kind ist auf mich angewiesen.

Aus dieser Stärke heraus stellen wir uns den neuen Herausforderungen, sind bereit unsere eigenen Bedürfnisse zu Gunsten des Kleinkindes hinten anzustellen (Opferbereitschaft) und das Kind vor allen gefährdenden Situationen zu beschützen („ich beschütze dich”).

Das Kleinkind erlebt in unserem Verhalten aktiven Schutz und ein Umsorgen. Es erlebt Geborgenheit als ein Gefühl von: „ich fühle mich geschützt”.
Große eigene Not, Schmerz und Krankheit der Elternteile, sowie eine nicht aufgearbeitete schwierige Kindheitsgeschichte, können bewirken, dass sich die Eltern über die eigenen Instinkte hinwegsetzen. Das Kleinkind erfährt so schon früh einen Mangel und es signalisiert seinen Eltern nachdrücklich: „ich brauche dich”.

Das ewige Schreien, das Quengeln, die Unruhe und vor allem die Bedürftigkeit des Kleinkindes, bringen die Eltern in Stress. Sie kommen schon selber zu kurz, weil sie schlecht für sich sorgen können und haben das Gefühl zum Kind: „ich fühle mich (von dir) ausgenutzt”.

Durch das Suchen der Eltern nach Ersatzbefriedigung, um den eigenen Mangel nicht mehr spüren zu müssen, wird beispielsweise der Beruf, die Karriere, das Smartphone oder der PC wichtiger, als sich Zeit für das Kind zu nehmen („anderes ist mir wichtiger”).

Das Kleinkind ist aber auf Gedeih und Verderb von den Eltern abhängig. Es erlebt seine Situation als „ich bin ausgeliefert”, ohne aber von seiner Liebe zu den Eltern Abstand zu nehmen. Es wird sich seinem Schicksal ergeben.

Regulation des Bedürfnisses

Für unser körperliches und seelisches Wohlempfinden brauchen wir immer wieder einen Ort der Regeneration. So suchen wir z.B. für unsere Ruhe einen Schlafplatz auf, einen Ort der Stille für unsere Erholung, einen Menschen für unseren Bedarf an Zuwen­dung oder ein Versteck für unseren Schutz.

Geborgenheit erleben wir beispielsweise in der Vertrautheit der Lebensumgebung, unsrem Zuhause oder mit Menschen, die wir kennen und mit denen wir gute Erfahrun­gen gemacht haben. Auch die Zugehörigkeit zu der Familie oder einer Gemeinschaft, durch die wir ein Miteinander erleben, sowie Rückhalt und Schutz kann uns Geborgen­heit und Zuversicht geben. Wir erfahren so einen Einklang mit uns und unserer Umwelt.

In der Regulation des Bedürfnisses Geborgenheit, geht es bei unbekannten Situatio­nen um die inneren Zustände von Herausforderung und Überforderung. Beide Zustände lösen zunächst Angst als unmittelbare Reaktion in uns aus. Mit einer positiven Lebens­einstellung wird aber das neuartige Erleben als Möglichkeit erkannt, sich durch ein Hin­zulernen weiter zu entwickeln. Hierzu geben wir uns innere Freiräume, die ein Scheitern nicht ausschließen und gleichzeitig sprechen wir uns Mut zu, es doch einfach zu versu­chen. Mit einer negativen Lebenseinstellung geraten wir in ein zwanghaftes Verhalten, in dem wir uns keine Fehler zugestehen und uns vor Augen führen, dass wir es nicht schaffen (können), weil wir schon früher an einer ähnlichen Aufgabe versagt haben. Die sich daraufhin zur Panik steigernde Angst bringt uns in einem lähmenden Zustand, der die Selbstprophezeiung erfüllt.

Erkennende Instanz
Die in unserer Wahrnehmung erkennende Instanz, für alle erfahrbaren Formen von Geborgenheit, ist unser Vertrauen. Wir greifen immer dann auf unser Vertrauen zurück, wenn wir uns in einer unsicheren oder gefahrvollen Situation befinden. Vertrauen ist eine intuitive Abschätzung des zu erwartenden Risikos und der möglichen Chancen.
Wahrnehmung
In den ersten Lebensmonaten haben wir als Kleinkind noch kaum eigene Erfahrungen und greifen deshalb auf unser Instinktverhalten mit seinem Urvertrauen[3] zurück. Wir verhalten uns zu den Bezugspersonen bedingungslos offen, hingebungsvoll, sind noch unvoreingenommen und fühlen uns in ihrer Gegenwart geborgen. Sie sind der sichere Hafen, in den wir uns bei Gefahr, Überforderung oder zur Erholung immer wieder zurückziehen.

In unserer Wahrnehmung reagieren wir auf Vertrautes, wie die Stimmen der Eltern, Gerüche, bekannte Geräusche, Rituale und besonders auf Körperkontakt. Das Wiegen in ihren Armen, die körperliche Wärme, selbst die Weichheit ihrer Stimme, lässt uns als Baby bei Aufregung beruhigen. Das Nuckeln an der Brust, nach der wir bereits aktiv verlangen, dient auch als Entspannung und wir schlafen darüber ein.

Mit dem Erwachen des Selbsterlebens gewinnen wir als Kleinkind an Erfahrungen und finden nun neue Möglichkeiten der Geborgenheit. Je nach Lebenssituation können dies ein liebgewonnener Ort, Gegenstände oder Gewohnheiten sein. Beispiele sind das eigene Bett, ein Kuscheltier, der Schnuller oder auch Rituale. Wir beginnen, uns die benötigte Geborgenheit selbst zu geben.

Mit der Zunahme unseres Aktionsradius verändert sich auch der Anspruch an Geborgenheit. Die Bezugspersonen sind jetzt nicht mehr sofort greifbar und wir suchen uns vielleicht Verstecke, in denen wir uns zurückziehen oder aus denen wir heimlich das Leben beobachten können.

Die Quelle unserer Geborgenheit findet sich mehr und mehr in uns selbst wieder. Wir fühlen uns wohl, wenn wir mit uns in Kontakt kommen und störende Umweltreize dabei ausblenden können. Wir spüren dann eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, ein Vertrauen in uns selbst. Es ist das Vertrauen in unsere körperlichen, geistigen, intuitiven, instinktiven und emotionalen Fähigkeiten, auf die wir uns stützen und auf denen wir unser Leben bauen.

Die nach außen gerichtete Suche nach Geborgenheit ist angetrieben von unserem Bedürfnis nach Schutz, Orientierung, Zuwendung und Zugehörigkeit. Wir erkennen im Verhalten anderer Menschen, ihre Friedfertigkeit und Loyalität uns gegenüber. Sie nehmen mich an, so wie ich bin und erweisen sich als verlässlich. Sie sind ehrlich zu mir, was ich in der Stimmigkeit ihres authentischen Verhaltens erkennen kann. Sie zeigen mir offen ihre Zuneigung in Form von einfühlsam, liebevoll oder wertschätzend. Sie sind vorsichtig, aufgeschlossen, mir freundlich gesonnen, umsichtig, aufmerksam, zugewandt, hilfsbereit bis fürsorglich, und geben mir Rückhalt und Schutz. Sie drückt sich z.B. aus, indem diese Menschen zu mir halten und sich zu mir bekennen, wenn ich ihre Hilfe und Unterstützung brauche.

Geborgenheit erfüllt mich mit emotionaler Wärme (warm ums Herz) und schenkt mir Freiräume zum Handeln, in denen ich mich weiterentwickeln kann. In der Geborgenheit erfahre ich eine Bedeutung im Leben: „Ich bin wichtig.”
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass immer wieder Klienten aus meiner Praxis von Komplikationen während der Schwangerschaft oder ihrer Geburt berichten. Es scheint, als ob sich die Lebenseinstellung der Mutter und ihre Konflikte auf den Verlauf der Schwangerschaft auswirken. Kaiserschnitt und ein sehr früher Krankenhausaufenthalt des Babys, mit Isolation von der Mutter, sind ein schlechter Start für das Urvertrauen.

Wenn unsere Eltern in ihrer Haltung das Leben verleugnen, dann erfahren wir als Baby mit der Geburt auch keine liebevolle Annahme von ihnen und unser Urvertrauen zerbricht. Der weitere Lebensverlauf ist damit vorgezeichnet.

Der Mangel an emotionaler Wärme prägt unsere weitere Entwicklung als Kleinkind. Es kommt schon früh in der Kindheit zu Vernachlässigung, Übergriffen und Misshandlungen. Wir fühlen uns den Eltern völlig ausgeliefert.

Außerdem stehen wir in einem inneren Konfliktfeld, dem Loyalitätskonflikt, gespeist von instinktiver, bedingungsloser Liebe zu den Eltern, dem Überlebensinstinkt und panischer Angst vor dem Tod. Die Beziehungsfähigkeit zu mir und der Außenwelt kann sich dadurch nicht entwickeln. Neben der Verhaltensauffälligkeit, bleibt das Körperbewusstsein und das emotionale Selbsterleben unterentwickelt.

Durch das feindliche Umfeld sind wir als Kind kaum im Stande, Kontakt zu uns und der Außenwelt aufzunehmen. Wir werden extrem unausgeglichen, was sich in unseren Verhaltensweisen äußert. Wir ziehen uns entweder stark zurück oder sind distanzlos zu anderen Menschen, sind aggressiv fordernd, trotzig bis kämpferisch oder ängstlich klammernd, oder auch extrem angepasst, schüchtern und schnell überfordert.

Die Suche nach Nähe und Geborgenheit wird von den Eltern oft mit Abwehr oder Ablenkung beantwortet (Schlüssel, Handy, Schnuller, Süßigkeiten, etc.). Der Fluss der Gefühle und ihrer Sinnzusammenhänge wird dadurch verbogen. Es entwickelt sich schließlich in uns ein Vermeidungsverhalten, um das Ideal der liebenden Eltern aufrecht zu erhalten und mit der schmerzhaften Wahrheit nicht in Berührung zu kommen, dass die Eltern die Nähe und Bedürfnisse von uns nicht ertragen können.

Der nagende Schmerz der Entbehrung, die unterschwellige Angst, als Signal der Gefahr und Fehlentwicklung und die erlebte feindselige Haltung der Eltern, lassen uns in einer eigenen, heilen Welt versinken. Wir versuchen über Ersatzbefriedigungen die Grausamkeit der Realität und die Tiefe unseres Schmerzes zu kompensieren, um uns Halt und Geborgenheit zu suggerieren.

Die Übergriffe der Eltern erzeugen in uns ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Menschen. Unsere Aufmerksamkeit wird schreckhaft und meist sensibel nach außen gerichtet. Gleichzeitig sind wir aber emotional abgestumpft, wenn es um die Wahrnehmung eigener Grenzen und Bedürfnisse geht. Statt Erfüllung und Geborgenheit herrscht das Gefühl innerer Leere vor. Wir fühlen uns allein, im Stich gelassen und sind schnell überfordert.
Erlebniszustände
Das Gefühl von Geborgenheit erleben wir in einer Atmosphäre des Vertrauens, die sich oft in Offenheit, Dankbarkeit, Hingabe und Zuneigung bis Liebe ausdrückt. Kann ich einer Situation oder einem Menschen vertrauen, fühle ich mich geborgen, geschützt und wohl. Meine Angst ist nun überwunden!In plötzlich bedrohlichen Situationen spüren wir Angst bis Panik. Die unmittelbare Gefahr ist sichtbar.

Sehr viel schwieriger sind Situationen zu erkennen, in denen sich unterschwellig (unbewusst) die Gefahr ankündigt. Wir fühlen uns unbehaglich, ohne dass es für unseren Verstand eine greifbare Erklärung dazu gibt. Dieses Signal verstärkt aber unsere Wachheit, unsere Instinkte sind aktiviert, wir beobachten und kontrollieren unsere Umwelt intensiver und achten mehr auf Wahrnehmungen.
Antriebsenergien
Wenn wir uns geborgen fühlen, wächst auch unsere Zuversicht, die sich in Mut, Neugierde und unserer Aufgeschlossenheit gegenüber dem Leben ausdrückt. Wir werden aktiv, gehen aus uns heraus und gewinnen an Zutrauen zu Menschen.

Je nach Situation, Alter und Haltung kann ich nun entspannen, mich pflegen, spielen, schlafen oder aus der Stärke heraus mir Freiräume schenken, in denen ich etwas Neues ausprobiere, um meine Angst zu überwinden und innere Grenzen der Erfahrung zu verschieben.
Je nach Ausgangslage unserer erlebten Situation, geraten wir entweder in Panik und reagieren mit Fluchtverhalten, werden starr vor Schreck und stellen uns Tod oder sind bereit zum Angriff, indem wir uns der Gefahr zum Kampf entgegenstellen.

In schleichend bedrohlichen Situationen gehen wir in eine Habachtstellung, sind angespannt und kontrollieren unsere Umgebung, reagieren mit Misstrauen und erwarten eine Gefahr.
Haltung
Das Erleben von Geborgenheit ist eng verknüpft mit unserer Spiritualität[4]. Die Lebenseinstellung, die bereits im Kleinkind verankerst ist, lautet: „Ich vertraue dem Leben.”
Diese Haltung bringt mich in ein liebevolles Denken und Handeln, der Quelle meiner Zuversicht.
Durch das Fehlen von Vertrauen in das soziale Umfeld versucht unser Verstand mit Konstrukten einen Ausgleich zu schaffen. Wenn ich das Leben kontrollieren und mir zu eigen machen kann („ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt”), scheint meine Angst beherrschbar zu werden. Neben dem typischen Vermeidungsverhalten von angstbesetzen Situationen, gebe ich mich keiner „Schwäche” hin.
Macht und Überlegenheit (Arroganz) erheben mich über andere Menschen, lassen sie schwach und angreifbar erscheinen und schaffen gleichzeitig Distanz zu mir und ihnen. Durch diese Distanz gibt es weniger Auslösepunkte für Erinnerungen, die mir meine Entbehrung und Not sonst sichtbar machen würden.
[3]  „Urvertrauen benennt das Vertrauen, das über Generationen oder sogar über Zeitalter hinweg durch die Evolution in der Beziehung der Lebewesen zu ihrer Umwelt entstanden ist.“

Theodor Dierk Petzold, Vertrauensbuch (2012), Verlag: Gesunde Entwicklung, S. 15-25
Diese Definition unterscheidet sich von zu der These von Erik H. Erikson aus den 50ger Jahren

[4] Spiritualität wird definiert als die Offenheit für Erlebnisse, die außerhalb der bereits der gemachten Erfahrungen liegen.

„Mit dem Begriff Spiritualität wird eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung bezeichnet, bei der sich der/die Suchende seines/ihres ‚göttlichen‘ Ursprungs bewusst ist (wobei sowohl ein transzendentes als auch ein immanentes göttliches Sein gemeint sein kann, z. B. Gott, Allah, JHWH, Tao, Brahman, Prajna, All-Eines u.a.) und eine Verbundenheit mit anderen, mit der Natur, mit dem Göttlichen usw. spürt. Aus diesem Bewusstsein heraus bemüht er/sie sich um die konkrete Verwirklichung der Lehren, Erfahrungen oder Einsichten im Sinne einer individuell gelebten Spiritualität, die durchaus auch nicht-konfessionell sein kann. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen.“

Arndt Büssing, Thomas Ostermann, Michaela Glöckler, Peter F. Matthiessen: Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin. VAS-Verlag für Akademische Schriften, 2006, ISBN 3-88864-421-6.

Reifungsprozess zur Ich-Stärke

Das Erleben von Geborgenheit kann von uns aktiv gestaltet werden, aber wir müssen es erst erlernen. Im Reifungsprozess zur Ich-Stärke lernen wir aus unseren Erfahrungen, wie wir in Situationen auch neue, noch unbekannte Gefahren erkennen können. Hierzu zählen auch die sich langsam anschleichenden Bedrohungen, die aus einer Fehlent­wicklung heraus entstehen. Aber natürlich kann sich auch etwas zum Guten entwickeln und wir würden eine wichtige Chance verpassen, wenn wir diese Entwicklung nicht er­kennen.

Wir lernen also Entwicklungsprozesse im Auge zu behalten und für uns zu nutzen. Dazu sammeln wir Referenzpunkte als Orientierungshilfe. Gleichzeitig können wir diese Referenzen auch als ein Verbesserungskriterium nutzen, das unsere Ausrichtung auf unsere Zielsetzung optimiert.

Im Geborgenheitserleben sind Vertrauen, Liebe und Spiritualität wichtige Elemente, die uns mit der Natur, den Menschen und uns selbst verbinden. Unsere Persönlichkeit, unsere Ausstrahlung, das Denken und Handeln verändern sich und all unsere Werte, nach denen wir leben, die uns Halt und Orientierung im Leben bieten.

Fähigkeiten
Aus dem Erleben von Geborgenheit erlernen wir das Erkennen von Gefahren und Schutzmöglichkeiten. Die Generalisierung der Erfahrungswerte extrahiert ein allgemeingültiges Modell von Erkennungsmustern in den unterschiedlichsten Situationen und Wahrnehmungskanälen. Je besser diese Risikoabschätzung von zukünftigen Ereignissen ist, desto besser ist auch unsere Überlebenschance.

Das Erkennen von Fehlentwicklungen ist hierbei eine Stärke der Modellbildung. Schleichende Veränderungen, die sich über längere Zeiträume vollziehen, stellen für unser Bewusstsein eine große Herausforderung dar. Krankhafte Veränderungen, auf Körperebene oder im Verhalten, wie beispielsweise Alterungs- oder Entwicklungsprozesse, werden oft nur intuitiv erkannt. Wir müssen also lernen, uns auf unser „Bauchgefühl” zu verlassen. Wenn unser Verstand keine Erklärung von Vorgängen und deren Sinnzusammenhänge mehr liefern kann, denkt er sich stattdessen eine nette Geschichte aus, die immer auch plausibel klingt. Glauben wir dieser Geschichte und halten sie für bare Münze, sind wir gefährdet, weil unsere Aufmerksamkeit sich auf andere Dinge konzentriert.

Befindlichkeiten und Bedürfnisse auszudrücken erfordert immer Mut, da sie ja auch abgelehnt werden können. Unser Vertrauen sorgt für einen klaren Ausdruck emotionaler Signale. Sie werden direkt und eindeutig gezeigt und es entsteht eine emotionale Präsenz, in der ich mich zumute und der Reaktion und Begegnung anderer Menschen stelle.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Strukturierungsprozesse im Gehirn ist die Entstehung eines Wertesystems in unserem Selbstverständnis. In diesem Wertesystem bilden sich Lebenseinstellungen, als höhere Einsicht und Erkenntnis von Sinnzusammenhängen, Lebenszielen und Wertmaßstäbe, als emotionale Bewertungsmuster, die uns Halt und Orientierung im Leben geben. Geborgenheit entwickelt darin drei Standsäulen unserer Menschlichkeit: Vertrauen, Liebe und Spiritualität. Sie führen zu einer lebensbejahenden Haltung, die sich in unserem Denken und Verhalten ausdrückt.
Typisch für Menschen mit einem Mangel an Geborgenheitserfahrung ist die Veränderung der Wahrnehmung und der Denkstruktur. Die Wahrnehmung wird mehr und mehr nach außen gerichtet, um potentielle Gefahren schnellstmöglich erkennen zu können.

Die Eigenwahrnehmung wird aber hierfür vernachlässigt. Die ständigen Verletzungen lassen uns emotional abstumpfen und sie haben eine traumatisierende Wirkung. Durch das Abstumpfen der Emotionalität können Erlebnisse nicht mehr richtig bewertet werden.

Um dies auszugleichen und das Funktionieren aufrechtzuhalten, entwickelt sich ein Kontroll- und Sicherheitsdenken. Über Kontrolle werden Situationen und Verhaltensweisen von Menschen mit Konstrukte beurteilt, noch bevor ein Kontakt hergestellt werden konnte (Schwarz-Weiß-Denken, Schubladendenken).

Die erlebte Feindseligkeit der Eltern und die offensichtliche Fehlentwicklung führt zu einer panischen Angst und einem zwanghaften Bemühen, den Eltern alles recht machen zu wollen, um ihren Erwartungen zu genügen. Strafmaßnahmen, wie der Liebesentzug der Eltern, verstärken die panische Angst vor dem Verlassen werden und lösen das Klammerverhalten aus. Es prägt sich der Satz ein: „Ich darf keine Fehler machen!”. Wir bemühen uns stattdessen, den Mangel der Eltern an Verantwortungsbewusstsein, Verlässlichkeit, Liebes-, Beziehungsfähigkeit und Verbundenheit durch ein Vorleben und der Aufopferung und Selbstaufgabe auszugleichen .

Es entwickelt sich eine generalisierte Angst vor allen Menschen, insbesondere Kindern, weil diese sich spontan, emotional offen, impulsiv und dadurch „unberechenbar” verhalten. Es wird versucht durch äußere Erkennungsmerkmale Konstrukte aufzubauen, die Aufschluss über den Wert eines Menschen geben sollen (überlegen/unterlegen, interessant/uninteressant).

Nähe und Geborgenheit lösen jetzt traumatisierte Erinnerungen und den Schmerz der Entbehrung aus. Vermeidungsverhalten und gezielte Aggressionen sollen bei aufkommender Nähe und Geborgenheit dieses Gefühl zerstören, damit der Schmerz nicht wahrgenommen werden muss. Es gibt keine Realitätsüberprüfung und Selbstreflektion mehr, in der die Konstrukte überprüft werden könnten. Sie bleiben einfach nur oberflächliche Vorurteile, die immer wieder bestätigt und somit zementiert werden.

Die Fehlentwicklung unserer Ich-Stärken breitet sich auch in unserem Bedürfnis nach Geborgenheit aus. Der Mangel an Schutz und Geborgenheit wird durch Konstrukte der Macht auszugleichen versucht. Hier werden bereits süchtige und zwanghafte Strukturen ausgeprägt, die den fehlenden Selbstwert kompensieren sollen. Zwei Richtungen bilden sich dabei heraus. In der einen, der ambivalenten Zerrissenheit, wird versucht sich selbst als Opfer zu definieren, um sich dadurch die Berechtigung zu geben, durch Macht und Manipu-lation anderer Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. In der anderen Richtung, der emotionalen Zerrissenheit, entwickelt sich die betroffene Person zum Außenseiter und Einzelgänger, der sich durch Egoismus und Überheblichkeit (Arroganz), Unnahbarkeit (Unerreichbarkeit) und der Stolz auf die Eigenarten zu erkennen gibt.

In unserem Wertesystem mehren sich Bilder der Sehnsucht und Befriedigung, denen zwanghaft nachgegangen wird, um den Mangel zu überdecken.
Fertigkeiten
Wir lernen Gefahren zu erkennen und uns davor zu schützen. Wir reagieren auch auf Fehlentwicklungen, indem wir Beziehungen klären, Realitäten überprüfen, uns Hilfe suchen oder einfach erkennen, was wir noch zu lernen haben.

Der Selbstschutz ist dabei ein wichtiger Instinkt für das Erlernen der Grenzsetzung. Wir versuchen immer die Achtung und Würde vor uns selbst, anderer, aber auch vor dem Leben zu wahren. Aggressionen können dabei durchaus friedfertig eingesetzt werden und ermöglichen uns ein liebevolles Handeln, um mit uns in einem Einklang zu bleiben.

Geleitet von unseren Werten erkennen wir, dass Liebe, Vertrauen und Spiritualität, uns eine vorteilhafte Lebenseinstellung bieten, ganz ähnlich unserem Kooperationsverhalten. Wir erfahren viel mehr Kontakt in unserer Außenwelt, bekommen viel mehr Beachtung und Hilfe von anderen und sind mehr integriert in einer Gruppe.

Wir lernen Spiritualität im Alltag zu erkennen, auszudrücken und zu leben. Spirituelle Praktiken, wie Meditation und Gebet, können uns dabei unterstützen. Wir suchen immer wieder den Kontakt zu unserer höheren Macht, um uns neu auszurichten, loszulassen und Halt, Orientierung und Zuversicht zu geben.
Durch die ständigen Übergriffe verlieren wir den Blick für diese Art von Bedrohung und fangen an sie zu tolerieren. Schuld und Schamgefühle, die eigentlich die Aufgabe haben, Antriebsenergien zum Selbstschutz zu mobilisieren, hindern uns jetzt daran, uns anderen Menschen mitzuteilen, um die Abhängigkeit von den Eltern nicht zu verraten (Selbstverleugnung).

Wir verrennen uns schließlich in uns selbst und sind desorientiert. Hinter einer funktionalen Fassade verbergen wir die tiefe Angst und Unsicherheit, den Mangel und unsere Verletzung.
Ich-Stärke
Selbstvertrauen
Halten die Eltern zu ihrem Kind, dann zeigt sich dies auch im Verhalten des Kindes. Es ist offener, selbstbewusster, reflektierter und kann seine Grenzen schützen, weil es von seinen Eltern gelernt hat, welche Werte und Grenzen im Leben wichtig sind. Es kennt eigene Stärken und Schwächen und ist dadurch vor den Übergriffen anderer Menschen besser geschützt.
Selbstverleugnung
Selbstverleugnung ist eine schwere Form der Selbstverletzung, da wichtige psychische Instanzen innerlich bekämpft werden (der Krieg zwischen Kopf und Bauch). Es kommt zu einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur mit Depersonalisation und Derealisation, begleitet von massiven Aggressionen, die als Destruktivität nach innen gerichtet sind oder nach außen auf andere Menschen, zumeist die eigenen Kinder, projiziert werden. Es entsteht ein hochexplosives Gemisch aus Feindseligkeit bis Hass, das die körperliche und psychische Schädigung anderer Personen billigend in Kauf nimmt.

Grundbedürfnis nach Geborgenheit

Dialog

Kind signalisiert
„ich vertraue dir”„ich brauche dich!”
Eltern spüren
„ich bin wichtig”„ich fühle mich ausgenutzt”
Eltern signalisieren
„ich beschütze dich”„anderes ist mir wichtiger”
Kind spürt
„ich bin geschützt”„ich bin ausgeliefert”

Regulation

Instanz
Vertrauen
Erlebniszustand
geborgenunbehaglich
Antriebsenergie
ZuversichtMisstrauen
Haltung
Glaube
„ich vertraue dem Leben”
Macht
„ich mache mir das Leben zu eigen”

Reifung

Fähigkeit
Erkennen von Gefahren und FehlentwicklungenKontroll-, Macht- und Sicherheitsdenken
Fertigkeit
Schutz, Orientierung, RisikobereitschaftHilflosigkeit,
ausgeliefert sein
Ich-Stärke
SelbstvertrauenSelbstverleugnung