The Experiential Response

Teil 1

Die erlebnisorientierte Antwort ist ein Artikel von Eugene T. Gendlin aus dem Jahr 1968. Er beschreibt die therapeutische Herangehensweise mit Focusingprozessen bei Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten.

Probleme und Schwierigkeiten werden vom Klienten emotional gespürt. Sie deuten auf eine emotionale Verstrickung hin, die sich für unseren Verstand aber als nicht lösbar herausstellt, weil ihre emotionalen Anteile nicht bewusst werden (können).

Seine Idee ist deshalb, dem Klienten einen empathischen Spiegel anzubieten, der auf seine Erlebniswelt fokussiert. Der Therapeut erlebt selber, in der geschilderten Situation des Klienten, keine emotionale Verstrickung. Die erlebnisorientierten Antworten des Therapeuten sollen den Klienten in seinem emotionalen Erleben voranbringen. Durch das bewusste Erkennen dieser Verstrickung kann der Klient nun auch in seinen Reaktionsformen weiterkommen. Gendlin kommt zu der Schlussfolgerung:

  1. Die erlebensorientierte Antwort bezieht sich häufig nicht auf klare Gefühle, sondern auf ein weitaus komplexeres Erleben. Was wir dabei erleben, kann sehr intensiv sein, obwohl wir vielleicht nicht genau wissen, was wir fühlen.
  2. Was wir fühlen, ist kein inneres Objekt (ein „affektiver“ Zustand, der nur in uns ist), sondern der Felt Sense zu einer umfassenden Situation – wie wir in dieser Situation sind, was wir hervorbringen, was wir wahrnehmen und womit wir uns konfrontiert fühlen.
  3. Dieser Felt Sense bezieht sich auch darauf, wie wir die Situation interpretiert und aufgefasst haben. Deshalb ist ein solcher Felt Sense nicht nur etwas Gefühltes, sondern auch etwas Kognitives. Vielleicht verwirrt uns, was er mit sich bringt, aber immer sind Aspekte der Interpretation, d.h. Denken, Lernen, Wahrnehmen und Verstehen in ihm impliziert.

Gendlin beschreibt den roten Faden in seiner Therapietechnik als „Felt Sense“. Der gefühlte Sinn ist das intuitive Erfassen von Sinnzusammenhängen, die dem Verstand aber verborgen bleiben. Der Felt Sense ist also eine „abstrakte“, emotionale Reaktion auf ein sehr komplexes Erleben. Das emotional Erlebte steht dabei in einer Wechselwirkung mit der Gestaltung unserer Gedanken (Interpretationen).

Der Felt Sense lässt sich nicht mehr emphatisch nachvollziehen. In ihm stecken sehr frühe (traumatische) kindliche Erfahrungen, die als Erinnerungen die aktuell erlebte Situation überlagern, ohne dass dies dem Klienten bewusst wird. Der Klient reagiert dadurch nicht mehr nur auf die unmittelbar erlebte Situation, sondern auf ein weitaus komplexeres Gebilde, bestehend aus einer erinnerten bzw. veränderten emotionalen Reaktion und einer geprägten Denkstruktur.

Der Klient soll mit seinem Erleben in einen bewussteren Kontakt treten, um durch das Erfahren seiner Unfreiheit in eine innere „Reibung“ zu kommen. Das empathische Empfinden des Therapeuten hilft ihm dabei, neue Aspekte seines Erlebens auszuloten und zuzulassen.

Die therapeutischen Antworten versuchen das Erleben des Klienten in eine neue Richtung zu erweitern, die seine emotionale Verstrickung lockert, was durch eine Veränderung im Erleben deutlich wird. Das Erleben entfaltet sich.

Dabei ist aber nicht wichtig, ob der Klient eine richtige oder schlaue Antwort auf sein Erleben äußert. Es ist wichtig, welche Reaktion er auf eine Intervention des Therapeuten zeigt. Umgekehrt geht es auch dem Therapeuten nicht um eine richtige oder schlaue Interpretation der geschilderten Erlebnisse, sondern um das Fortsetzen des Erlebens im Hier und Jetzt.

Der Therapeut hilft der Entfaltung des Erlebens, indem er der Erlebnisspur des Klienten folgt und sich von ihr leiten lässt, ohne sich durch eigene Erwartungen und Interpretationen abbringen zu lassen. Eine Auflösung der Verstrickung ist auch die Lösung aus den Konflikten, die der Klient als Kind nicht bewältigen konnte.

Diese Auflösung aus der Verstrickung geht mit einer deutlichen Veränderung der Reaktionsweise des Klienten einher. Diese Veränderung des Felt Sense nennt Gendlin den Felt Shift. Sie ist eine Veränderung nicht nur der Betrachtungsweise der subjektiv erlebten Situation, sondern bezieht sich auf ein anderes Erleben von Realität.

Gendlin weist darauf hin, dass alle benutzen therapeutischen Hilfsmittel (Konzepte), sich stets um eine Fortsetzung des Erlebens im Klienten bemühen müssen.

Im therapeutischen Prozess geht es ihm um die Tiefe des emotionalen Erlebens, in Form eines „Bewusstwerdungsprozess“. Emotionale Wahrnehmung verknüpft sich dabei mit Erfahrungen und Gedanken zu neuen Sinnzusammenhängen. Ohne diese Tiefe bleibt das Ware und Verborgene in uns unsichtbar.

Gendlin fasst seine Vorgehensweise in zehn Schritte zusammen:

  1. Wir beziehen uns auf den Felt Sense.
  2. Wir versuchen, den Felt Sense zu explizieren.
  3. Wir schlagen verschiedene Richtungen vor, um einen erlebensmäßigen Fortschritt zu ermöglichen.
  4. Wir folgen der Erlebensspur des Klienten.
  5. Antworten zielen (auf den Felt Sense).
  6. Wir versuchen, das Erleben fortzusetzen.
  7. Nur die Person selbst kennt ihre Fährte: Wir lassen uns von ihrer Erlebensspur leiten.
  8. Nur Veränderung des Bezugspunkts ist Fortschritt.
  9. Therapie bedarf einer erlebensorientierten Verwendung von Konzepten.
  10. Tiefe geht hinein (in das konkret vor sich gehende Erleben).

Teil 2

Gendlin ermutigt den Therapeuten emphatisch auf den Klienten und seinem Erleben zu reagieren, indem er sich selbst, mit seiner empfundenen emotionalen Resonanz, auf eine positiv fördernde Art einbringt. Der Klient braucht diese Reaktion, um sich innerlich orientieren und das Erleben weiterentwickeln zu können.

Gendlin unterscheidet unterschiedliche Bewusstseinszustände. Sich selbst reflektieren verändert das Erleben, bringt es weiter, indem die richtigen Worte gefunden werden (müssen). Noch besser ist, Erlebnisse auszusprechen, mitzuteilen, aufzuschreiben oder auf ein Medium aufzuzeichnen. Wir legen uns dadurch in unseren Gedanken fest und bekommen ein interaktives Feedback unseres Erlebens.

Am wirkungsvollsten ist natürlich eine reale Person, an derer das Erleben fortgesetzt und weiterentwickelt werden kann. Dafür muss der Therapeut präsent, offen, achtsam, authentisch, verantwortungsbewusst und transparent in seinem Handeln sein.

Dadurch, dass der Therapeut Teil der Interaktion wird, entsteht in ihm zwangsläufig auch Betroffenheit und unangenehme Gefühle, besonders durch Übertragung, Reinzsenierung oder Projektion. Da er aber nicht in derselben Verstrickung festsitzt, kann er einen emotionalen Weg finden, der das Erleben des Klienten weiterführt.

Selbst bei unangemessenen, negativen Verhaltensweisen des Klienten dem Therapeuten gegenüber, soll der Therapeut in seiner „Resonanz“ (Response) darauf, das Gute suchen und zur Entfaltung zu verhelfen, indem er sich seine erlebnisorientierte Antwort bewusst macht und versprachlicht. Der Therapeut wird zu einem Teil des unmittelbaren Geschehens und zu einer neuen Referenz oder einem Reibungspunkt für ein neues, anderes Verhalten.

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