Mei Wund

In mir isch a Wund un zwar schon long
i denk i heb se, seit i denka konn.
Nach außa sichtbar isch se net
awa spüra du i, dass i se heb.

Sie schmerzt mol wennich un mol meh,
heb immer denkt, s´werd alloi vergeh.
Mit´m Schmerz hewe me arrangiert,
heb ihn oifach weg ignoriert.

Manchmol nässt mein Wund, laft Eiter raus
un´s bild sich a Entzindung aus.
Wenn me da Schmerz donn so richdich packt,
werd a Pflaschda gholt un druffgebabbt.

Des Pflaschda macht net wirklich gsund
es isch sogar der wahre Gund,
dass sich die Wund noch meh endzindt,
was noch mehna Schmerza bringt.

Die Pflaschda hawa viele Nama,
i hebse gnomma, wie se kama.
Heb recht viel Pflaschda ausprobiert
un mei Wund mit infiziert.

Je älter i wer, umso mehna duts weh,
und die Pflaschder wille jetzt nemmeh.
Will me nemmeh länger selwa bscheißa,
i such ma ebba zum Pflaschda runnareißa.

Oinen, der mir zeigt wie´s geht,
wie ma ohne Pflaschda a gut lebt.
Der da gonze Dreck rauskehrt,
damit die Wund mol sauwa werd.

I heb oinen gfunna, der konn des gut.
Un ehrlich, es erfordert wirklich Mut,
jemondem dei Wund zu zeiga
die verdreckt isch un volla Eida.

Zunächschd hewe denkt, des dut net weh,
i wer des locker iwerschteh.
Doch da aller schlimmschde Schmerz kommt jetzt,
weil der sei kloines Messer wetzt
un richdich dief in mei Wund neischneid
weil se bluda muss bevor se hailt.

Awa des Blut schwemmt allen Schmodder raus
un von Mol zu Mol seht mei Wund besser aus.
Jeder Schnitt verhailt gonz ohne Narb
un da Schmerz der Verletzung nemmt jedes mol ab.

Die Prozedur klappt nur, weil i absolut vertrau,
weil i normal bei Verletzungunga sofort abhau.
Awa, i du me selwa zum stillhalda zwinga,
weil genau die Schnittlen, Heilung bringa.

Tatsächlich hailt mei Wund jetzt zu
un endlich kommt da Schmerz zur Ruh.
Es isch da gonze Eida raus,
un i komm jetzt ohne Pflaschda aus.

A kloine Narb von da Wund bleibt zurick
un des isch wirklich echt a Glick.
Die kloi Narb hat den oifacha Sinn,
mir zu zeiga, wer i bin.

Danke Herr Siemer.

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Zwei Freunde

Es war einmal ein Kind. Ich erinnere mich nicht genau, ob es ein Mädchen oder ein Junge war, aber das ist auch nicht wichtig für diese Geschichte. Es hatte einen Freund, einen kleinen liebenswürdigen Geist. Ja, du hast richtig gehört. Und glaube mir, es gibt mehr Kinder mit Geisterfreunden als du denkst. Das Besondere an ihnen ist, dass sie unsichtbar sind, denn sie sind in den Kindern selbst. Von Tag zu Tag nun wurde der Geist dieses Kindes ängstlicher, trauriger, enttäuschter, einsamer und verzweifelter. Er fühlte sich ganz schwer. Irgendetwas stimmte nicht, aber was, das wusste das Kind auch nicht. Das Kind spürte diese Gefühle und irgendwann kam der Tag, da hielt es das nicht mehr aus. Es beschloss ihn in einen leeren Raum im großen Keller des Hauses einzuschließen. Denn dort musste es niemals hineinsehen. „Tut mir leid“, sagte es zu seinem Geist, „aber ich kann das nicht länger ertragen.“ Da der Geist nun ein wahrer Freund des Kindes war, nahm er die Entscheidung an und ließ es geschehen.

Zeit verging und, da es dem Kind seitdem besser ging, wollte es seinen Geist gar nicht mehr zurück. Mehr Zeit verging und ein Kind war es nun nicht mehr. Was passierte aber mit dem Geist? Oh, was meinst du, was mit jemandem passiert, der so lange im Keller eingeschlossen ist? Kein Sonnenstrahl berührte eine durchsichtige Haut seitdem, keinen Blumenduft hatte er mehr gerochen und keine Seele mehr gesehen. Immer dreckiger und entstellter wurde er. Wo hätte er sich auch waschen sollen? Er begriff auch, dass sein Freund ihn nie mehr bei sich haben wollte. Und das konnte er nicht akzeptieren. In diesem Kellerloch auf diese Weise sein Dasein zu fristen. Du musst wissen, dass der nun erwachsene Mensch und der Geist auf besondere Art und Weise verbunden waren. Nur war es so, dass der Mensch irgendwann starb. Sein Geist aber würde, wenn er dann noch immer von ihm getrennt in diesem Gefängnis vor sich in siechen würde, nicht mit ihm sterben und Erlösung finden, sondern weiter als Schreckgespenst auf der Erde wandeln und seinen Schrecken verbreiten. Denn glaube mir, nach so viel Leid, wird auch der einst liebenswürdigste Geist böse und gibt nur noch das weiter, was ihm selbst widerfahren ist.

So wäre es wohl auch gekommen, wenn der Geist nicht alles daran gesetzt hätte auf sich aufmerksam zu machen. Wie soll er so ein Schicksal auch akzeptieren? Er machte also Krach: er brüllte, schlug an die Wände und rüttelte heftig an der Tür. Das war so laut und furchterregend, dass der Mensch es hörte und es mit der Angst bekam. „So ein schreckliches Monster! Wenn ich es frei lassen würde, würde es mich bestimmt umbringen.“ Aber je länger er seinen Geist ignorierte, desto lauter wurde er. Schließlich wurde er ja nicht gehört. Jeder, der das Haus betrat, konnte das Gepolter hören. Das war dem Menschen fürchterlich unangenehm und auch der Besuch fühlte sich nicht wohl. Also ging er dazu über niemanden mehr in sein Haus einzuladen. Der Geist hätte ihn wohl bald nicht einmal nachts mehr schlafen lassen und ihm sein nun einsames Leben immer mehr zur Hölle gemacht. Doch diese Geschichte soll anders weitergehen. Denn der Mensch begann zu begreifen, dass es schlimmer wurde, je länger er leugnete, dass es den Geist gab. So würde es ganz sicher kein gutes Ende mit ihm nehmen. Schließlich kam der Moment, an dem er es wieder nicht mehr aushielt. Er zitterte am ganzen Körper als er den Entschluss fasste, die Kellertür zu öffnen. Nur wusste er nicht mehr wo der Schlüssel war und konnte ihn auch nicht finden. So machte er sich ohne ihn auf den Weg in den Keller. Fast stolperte er auf der Treppe hinab. Immer lauter wurde das Toben des Geistes und der Mensch glaubte fast den Verstand zu verlieren. Er wusste ja, dass ihn der Geist wohl umbringen würde, wenn er es schaffte die Tür zu öffnen. Wie konnte es auch anders sein, nach all dem, was er ihm angetan hatte. Nun stand der Mensch vor der Kellertür. Das Gebrüll ging ihm bis ins Mark. Er verabschiedete sich vom Leben und nahm den Tod an. Da spürte er, dass er etwas in seinen Händen hielt. Es war der Schlüssel. Er steckte ihn ins Schloss und drehte um.

Die Tür öffnete sich langsam und quietschend. Vor ihm stand das abscheulichste Monster, das er sich nur vorstellen konnte und machte Anstalten auf ihn loszugehen. Dann – Stillstand. Sie erkannten einander; spürten ihre Verbundenheit wieder. Der Geist begriff, dass  er nun frei war, seinem schrecklichem Schicksal entgangen. Er sackte in dich zusammen, wurde wieder ganz klein und begann bitterlich zu weinen. Der Mensch spürte ebenfalls diesen großen Schmerz in sich und gemeinsam weinten sie Arm in Arm. Und ohne, dass sie es merkten, verbanden sie sich wieder miteinander. Sie wurden wieder Eins. Und auf einmal spürte der Mensch zum ersten Mal seit er den Geist verbannt hatte, dass er ganz war. Frieden kehrte in ihm ein. Er begriff, das Ausmaß dessen, was er damals getan hatte. So beschloss er sich gleich gründlich im Keller umzusehen. Vielleicht hatte er noch jemanden hier unten eingeschlossen und ihn vergessen. Falls ja, wollte er auch ihn befreien. Er wünschte sich plötzlich nichts mehr als alle Türen zu öffnen.

Und so endet diese Geschichte diesmal mit einem Happy End. Ich glaube, solch eine Tragödie spielt sich nicht nur im Haus des Menschen ab, von dem ich gerade erzählt habe. Sieh besser in deinem Keller nach. Glaube mir, es lohnt sich.

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